Prof. Dr. med. Robert Wammack
Leiter der Klinik
für Urologie
und Neurourologie sowie des Prostata Zentrums Ruhr der Katholischen Kliniken Essen-Nord-West. Facharzt für Urologie, spezielle Urologische Chirurgie und medikamentöse Tumor-Therapie.
"Ein hoher PSA-Wert allein ist noch nicht krankhaft" *
Interview mit Prof. Dr. med. Robert Wammack,
Teil 2
(zurück zu Teil 1)
Prof. Dr. med. Wammack: Zweifelsfrei nachweisbar ist Prostatakrebs nur feingeweblich. Das heißt, es müssen – unter einer örtlichen Betäubung – Gewebeproben aus der Prostata gewonnen werden. Dazu schießt eine winzig-kleine Stanze in der Regel zehn bis zwölf Proben aus der Prostata. Die Proben sind um ein Vielfaches kleiner und dünner als ein Streichholz. Diese Proben gehen an den Pathologen, der dann die Diagnose stellt. Anhand des Anteils an verändertem Zellmaterial kann er z.B. Aussagen darüber treffen, wie groß und bösartig der Krebs ist.
rheinruhrmed: Ist es möglich, dass die Biopsie selbst Auslöser für eine Veränderung der Prostata sein kann, die Zellen also erst dadurch bösartig werden?
Prof. Dr. med. Wammack: Nein, es gibt auf der Welt keinen solchen Fall in der Fachliteratur. Bei einer Biopsie an der Prostata werden bösartige Zellen nicht verschleppt. Es kann allerdings zu temporären Veränderungen an der Prostata, etwa beim Wasser-lassen, kommen. Aber die gehen in der Regel auch wieder zurück.
rheinruhrmed: Wie lassen sich Fälle erklären, in denen der PSA-Wert hoch ist, obwohl bei der Prostata-Biopsie nichts gefunden wurde?
Prof. Dr. med. Wammack: Solche Fälle gibt es durchaus. Das kann daran liegen, dass entweder die Prostata zu groß war, so dass die Biopsie-Proben nur aus dem gesunden Gewebe entnommen wurden oder – der umgekehrte Fall – dass die Krebsherde zu klein sind, sie also mit der Stanze nicht getroffen wurden. In Fällen wie diesen kommt es zu einer zweiten Biopsie, oder zu einer so genannten Sättigungsbiopsie, bei der deutlich mehr Proben entnommen werden. Dies geschieht dann auch unter einer Kurznarkose von etwa 10 Minuten. Anschließend muss der Patient im Krankenhaus 24 Stunden überwacht werden. Diese Untersuchung gibt dann in der Regel Gewissheit.
rheinruhrmed: Wenn dann eine Behandlung nötig wird, scheuen viele vor einem operativen Eingriff und setzen lieber auf die Strahlentherapie, weil sie glauben, damit die sanftere Alternative gewählt zu wählen. Ist dem wirklich so?
Prof. Dr. med. Wammack: Zunächst einmal: Der aggressive Krebs, vorausgesetzt er hat noch nicht im Körper gestreut, ist nur durch eine Entfernung der Prostata oder durch eine Strahlentherapie zu heilen. Es gibt übrigens auch noch die Hormonbehandlung oder moderne Chemotherapie-Medikamente, die die Lebensqualität verbessern. Aber bleiben wir mal beim operativen Eingriff: In Einzelfällen können nach einem solchen Eingriff Probleme mit der Potenz oder dem Harn-Halten auftreten. Dabei ist der Unterschied zur Strahlentherapie nur der, dass diese Beschwerden eben sofort unmittelbar nach der Operation auftreten. Bei der Strahlentherapie kann es auch zu diesen Beschwerden kommen, nur zeitlich versetzter. Es lässt sich beobachten, dass nach etwa fünf Jahren die Beschwerden in beiden Fällen in etwa gleich häufig bzw. selten auftreten.
rheinruhrmed: Hat die Ernährung Einfluss auf das Risiko, an Prostata-Krebs zu erkranken?
Prof. Dr. med. Wammack: Bei Prostatakrebs geht man davon aus, dass es gewisse genetische Einflussfaktoren gibt. So ist etwa im Vergleich zur westlichen Welt die Rate von Prostatakrebs-Fällen in asiatischen Ländern geringer. Man weiß auch von Menschen, die ausgewandert sind und sich im asiatischen Raum niedergelassen haben, dass sie statistisch gesehen weniger an Prostata-Krebs erkranken. Es mag sein, dass die mediterrane Ernährung, also eher weißes Fleisch und eher Gemüse, ein Vorteil birgt.
rheinruhrmed: Im Rahmen der Vorsorge übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für ein PSA-Screening nicht. Und auch der SPIEGEL schrieb jüngst in seiner Ausgabe (17/2009: „Risiko Vorsorge“) , dass Ärzte falsche Hoffnung schüren würden, weil Vorsorge – auch im Bereich der Prostata – weit weniger Patienten nutzen würde als bislang angenommen. Erstaunt Sie das?
Prof. Dr. med. Wammack: Viele Jahre lang gab es keine gesicherten Daten darüber, ob die Ermittlung des PSA-Wertes sich auf die Zahl der Prostatakrebstoten auswirkt. Der PSA-Wert war also eher eine Art Gefühlssache. Nun aber, im April 2009, wurde eine große europäische Studie veröffentlicht, nach der die Wahrscheinlichkeit, dass Männer im Alter zwischen 55 und 69 Jahren an einem Prostatakarzinom versterben, durch ein PSA-Screening signifikant um 20 Prozent gesenkt wird.
Weitere Links zum Thema auf rrm:
Interview: Dr. med. Jens Westphal über die Brachytherapie als Therapieform beim Prostatakrebs [mehr...]
Selbsthilfegruppe: Prostata SHG Paderborn, Mitglieder: 20 [mehr...]
Gelsenkirchen: Prostata SHG Gelsenkirchen Buer e.V., Mitglieder: 250 [mehr...]
Kurz und bündig: Was tun gegen Inkontinenz? [mehr...]
Kurz und bündig: Nierenschäden bei Diabetikern? [mehr...]
Tipp: Vortrag im Netz: "Blasenschwäche – was tun? Behandlungsmöglichkeiten" von Dr. med. Hans-Christian Kolberg, Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Brustzentrum DKG/DGS, Perinatalzentrum Level I (GBA), Marienhospital Bottrop [mehr...]
Link: PSA-Test: www.psa-entscheidungshilfe.de
Link: "Lokal begrenzter Prostatakrebs: Hat die Brachytherapie Vorteile?" [mehr...]
weitere Tipps und Termine auf unserer Seite zum Thema Urologie [mehr...]
Bookmarken / Empfehlen Sie diese Seite auf:
/
/
/
/
/
/
/
/
/
/
/ ![]()
* Die hier wie überall auf rheinruhrmed.de angebotenen Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz ärztlichen Rates angesehen werden. Diese Internetseite kann und darf NICHT benutzt werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen. Bei Beschwerden oder Fragen jeglicher medizinischer Art konsultieren Sie bitte direkt Ihren Arzt oder Apotheker.

