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"Zähne im Zusammenhang mit dem Organismus betrachten" *

Klaus Mann

Dr. med. dent. Wolfgang H. Koch

Leiter der Abteilung für Systemische ZahnMedizin
der Haranni Clinic, Herne

rheinruhrmed: Ganzheitlich auf den Zahn gefühlt. Herr Dr. Koch, Ihr Ansatz ist ein ganz besonderer: Was verstehen Sie unter ganzheitlicher Zahnmedizin?

Dr. Wolfgang H. Koch: Grundsätzlich ist unsere Basis natürlich die universitäre Zahnmedizin, also die Schulmedizin. So wird bei uns auch gebohrt und Karies entfernt. Uns unterscheidet aber von vielen anderen Zahnärzten, dass wir in der Haranni Clinic die Zähne im Zusammenhang mit dem Gesamtorganismus betrachten. Wir wissen, dass tote Zähne bestimmte Krankheiten auslösen können, dass ein schiefer Biss Rückenschmerzen auslösen kann oder dass zum Beispiel Heuschnupfen mit einem bestimmten Material, das als Zahnersatz verwendet wurde, in Verbindung steht. Mit verschiedenen Diagnosemethoden können wir solche Störmechanismen dechiffrieren.

rheinruhrmed: Wie sieht eine ganzheitliche Untersuchung in Ihrer Praxis aus?

Dr. Wolfgang H. Koch: Wir führen eine normale schulmedizinische Inspektion des Zahnraums durch, mit Röntgenaufnahmen, manuellen Untersuchungsmethoden und Funktionsuntersuchungen. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Untersuchungen, die uns Mikrobiologen an die Hand gegeben haben. Hierbei finden wir durch spezielle Blutuntersuchungen heraus, ob Bakterien für ein vorhandenes Problem verantwortlich sind oder ob sich ein toter Zahn negativ auf den Körper auswirkt. Ein gravierender Unterschied zum schulmedizinischen Ansatz ist bei uns die ausführliche Anamnese. Wir befragen den Patienten zu Beginn intensiv - auch über Dinge, die auf den ersten Blick vielleicht etwas merkwürdig erscheinen. Zum Beispiel wollen wir Genaueres über den Stuhlgang erfahren, denn wir wissen, dass Unregelmäßigkeiten von den Zähnen kommen können. Genauso können Nikotinkonsum, bestimmte Vorschäden oder stresshaltige Lebenssituationen die Gesundheit der Zähne beeinträchtigen. Das klären wir bei uns in der Sprechstunde, wobei die Betonung auf ‚Sprechen‘ liegt.

rheinruhrmed: Welche Zahnerkrankungen sollte man auf keinen Fall auf die lange Bank schieben, da sie gesundheitliche Risiken an Organen oder anderen Körperbereichen erhöhen können?

Dr. Wolfgang H. Koch: Zahnerkrankungen, die auf lebenswichtige Organe wie das Herz oder das Herz-Kreislauf-System ausstrahlen, sollte man möglichst schnell behandeln. Das heißt aber nicht sofort, sondern innerhalb der nächsten sechs Wochen. Auf akute Erkrankungen wie Zahnschmerzen muss man aber sofort reagieren.

rheinruhrmed: Was ist bei Zahnersatz zu beachten, wenn man die Wechselwirkungen im gesamten Organismus betrachtet?

Dr. Wolfgang H. Koch: Es ist wissenschaftlich belegt, dass jedes für Zahnersatz verwendete Material Bestandteile hat, die im Organismus freigesetzt und abgelagert werden. Bestimmte Organismen reagieren darauf, andere wiederum nicht. Wir sind in der Lage, im Vorfeld durch Blutuntersuchungen festzustellen, ob es bei einem Patienten zu Erkrankungen kommen kann oder nicht. Bei uns wird jedes Material, das wir einsetzen, auf individuelle Verträglichkeit getestet. Der zweite Aspekt, der beim Zahnersatz beachten werden sollte, ist, dass ein schiefer Biss orthopädische Probleme von Rückenproblemen bis zu Verletzungen der Achillessehne auslösen kann. Deswegen halten wir es für ganz wichtig, in einem Netzwerk mit Orthopäden, Sportmedizinern und Physiotherapeuten zu kooperieren, die überprüfen, ob der angefertigte Zahnersatz auch hundertprozentig passt.

rheinruhrmed: Da sind wir beim nächsten Thema angekommen: Man hört immer wieder, dass die Wurzel des Übels von Sportverletzungen in den Zähnen liegt. Wie sind die - auf den ersten Blick gesehenen - weit voneinander entfernten Fachdisziplinen miteinander verbunden?

Dr. Wolfgang H. Koch: Wie nah Zahnmedizin und Sportmedizin beieinander liegen, zeigt uns die tägliche Arbeit und unsere Kooperation mit dem FC Schalke 04. Die Ursache sind Muskelketten, was eine Untersuchung an der Universität Tokio belegt hat. Dort wurde bei einer Reihe von Patienten im aufrechten Stand die Aktivität der Oberschenkelmuskulatur untersucht. In der Ausgangssituation war sie im rechten und linken Bein gleich. Dann hat man den Patienten einen leichten Widerstand zwischen die Zähne gesteckt - ähnlich wie eine leicht zu hohe Füllung, und eine unterschiedliche Muskelaktivität festgestellt. Also, eine Bissstörung kann sich auf die ganze Körperhaltung auswirken. Eine zweite Kettenreaktion können Bakterien auslösen, die sich - ausgehend von Parodontose und toten Zähnen – über den Blutkreislauf im gesamten Körper verteilen, schließlich in Muskeln ablagern und deren Funktion beeinträchtigen. Beim Herzmuskel kann dies sogar bis zum Tod führen.

rheinruhrmed: Abschließend hätten wir gerne noch Ihre Ratschläge: Worauf sollten alle Menschen unter dem Gesichtspunkt der Ganzheitlichkeit bei Ihren Zähnen achten?

Dr. Wolfgang H. Koch: Dass sie gesund bleiben. Das heißt natürlich, dass man mindestens zweimal im Jahr zum Zahnarzt gehen sollte. Unter dem Aspekt der Ganzheitlichkeit sollte man insbesondere einen Zahnarzt aufsuchen, der Kenntnis von den zuvor beschriebenen Wechselwirkungen hat. Das gilt gerade für solche Patienten, die unter chronischen Erkrankungen leiden oder bei denen wiederkehrende Beschwerden nicht erklärbar bzw. therapierbar sind.


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