Priv.-Doz. Dr. med. Burkhard L. Herrmann
Facharzt für Innere Medizin,
Endokrinologe und
Diabetologe.
rheinruhrmed: Woran erkennen Eltern, ob ihr Kind normal wächst?
Priv.-Doz. Dr. med. Herrmann: Nun, was heißt schon „normales Wachstum“? Es gibt eine sehr große Spanne zwischen früh und spät einsetzendem Wachstum. Beides ist jedoch kein Grund für Eltern, beunruhigt zu sein. Die häufigste Form von vermindertem Wachstum ist familiär bedingt. Das heißt, schon Mutter und Vater sind kleiner.
rheinruhrmed: Dennoch werden nicht wenige Eltern nervös, wenn sie sehen, dass die Mitschüler in der Klasse ihres Kindes alle in die Höhe schießen, während das eigene Kind im Wachstum verharrt.
Priv.-Doz. Dr. med. Herrmann: Man kann den Eltern immer nur wieder sagen: Kein Grund zur Panik! In über 95 Prozent der Fälle holen Kinder so etwas später wieder auf. Das heißt, dass es durchaus sein kann, dass Jugendliche später in die Pubertät kommen und somit erst dann das Wachstum nachholen. Zudem gilt es zu bedenken, dass Mädchen ungefähr anderthalb bis zwei Jahre eher in die Pubertät kommen als Jungen. Deswegen wachsen bei Mädchen die Knochen in dieser Zeit auch schneller, so dass sie kurzfristig im Schnitt etwas größer sind. Die Jungen holen das aber wieder auf.
rheinruhrmed: Was ist mit den Fällen, in denen dieser Aufholprozess ausbleibt?
Priv.-Doz. Dr. med. Herrmann: In diesen seltenen Fällen liegt tatsächlich eine Störung vor. Eine mögliche Störung nennt sich KEV, also Konstitutionelle EntwicklungsVerzögerung. In solchen Fällen kann ein Jugendlicher erst mit 19 Jahren ein Entwicklungsstadium erreichen, das andere bereits mit 16 Jahren erreicht haben. Neben dieser KEV können aber als zweiter Grund auch Drüsenstörungen verantwortlich sein, etwa in der Hirnanhangsdrüse, die das Wachstumshormon ausschüttet. Diese Drüse kann in einigen Fällen noch nicht richtig angesprungen sein, so dass sie eine verminderte Menge der Wachstumshormone produziert.
rheinruhrmed: Aber die Hirnanhangsdrüse ist doch schon vom Lebensbeginn an aktiv.
Priv.-Doz. Dr. med. Herrmann: Das ist sie auch. Für die Zeit der Pubertät muss man jedoch wissen, dass es über der Hirnanhangsdrüse noch den sogenannten Hypothalamus gibt. Der arbeitet als eine Art Taktgeber und schüttet alle 20 Minuten so genannte Releasing-Hormone aus, die die Hirnanhangsdrüse stimulieren und zur Produktion der Wachstumshormone anregt. Diese Hormone gehen dann ins Blut über und schwimmen von dort u.a. in die Leber, wo das IGF-1-Hormon gebildet wird. Jetzt kann es aber sein, dass es Patienten mit einer etwas schwach ausgeprägten Hirnanhangsdrüse gibt. Oder sie hatten eine Hirnblutung, eine intensive Bestrahlung oder ein Schädeltrauma z.B. durch einen Unfall oder dadurch, dass sie als Baby vom Wickeltisch gefallen sind. Oder sie haben, was ganz selten ist, einen Tumor an der Hirnanhangsdrüse. Eine Tumorart ist z.B. das Kraniopharyngeom. Das ist aber wirklich ganz, ganz selten.
rheinruhrmed: Woran können Eltern ablesen, dass sie ihr Kind untersuchen lassen sollten?
Priv.-Doz. Dr. med. Herrmann: Man muss zunächst einmal unterscheiden zwischen Kindern, die im Pubertätsalter nicht wachsen, und den Kindern, die schon im Kindergarten- und Grundschulalter nicht wachsen. Deshalb sollten die Eltern gefragt werden, ob das Kind bereits mit dem 6. oder 7. Lebensjahr zu den kleinsten in der Klasse gehörte. Oder war das Kind bis zum ca. 10. Lebensjahr eigentlich normal groß – und dann schossen die anderen in die Höhe. Wenn das eigene Kind da ein bisschen stehen geblieben ist, kommt es meist später wieder. Diejenigen Kinder aber, die schon von vornherein in der Grundschule zu den Kleineren gehörten, sollten untersucht werden.
rheinruhrmed: Nun sind die Begriffe „klein“ und „groß“ ja sehr relativ. Gibt es objektive Maßstäbe, ab wann „klein“ wirklich alarmieren sollte?
Priv.-Doz. Dr. med. Herrmann: Gute Frage. Wenn man unterhalb der 3. Perzentile liegt, dann ist das per Definition Minderwuchs. Perzentile kennt jede Mutter, denn die stehen in jedem Mutterpass. 97 Prozent aller Kinder sind statistisch gesehen größer. Man kann auch die Wachstumsgeschwindigkeit alle halbe Jahre messen. Und wenn die unterhalb des Durchschnitts liegt, dann ist die Wahrscheinlichkeit durchaus gegeben, dass er das Wachstum nicht wieder aufholt. Wenn ein Kind allerdings ein Aufholwachstum zeigt, besteht die Möglichkeit, dass alles normal verläuft.
rheinruhrmed: Wenn die Kinder beim Hormonspezialisten sind, was wird dort dann gemacht?
Priv.-Doz. Dr. med. Herrmann: Diese Kinder müssen zum Hormonspezialisten. Das heißt, ihr Blut wird untersucht. Meist muss auch eine Aufnahme der Hirnanhangsdrüse gemacht werden. Und dann kann man je nach Diagnose betroffenen Kindern Wachstumshormone spritzen. Das ist seit über 20 Jahren möglich. Diese Wachstumshormone werden jeden Abend – ähnlich wie Insulin – injiziert. Das wird übrigens von der Krankenkasse bezahlt.
rheinruhrmed: Wie lange müssen die Wachstumshormone genommen werden?
Priv.-Doz. Dr. med. Herrmann: Bis zum Pubertätsalter. Dann wird noch mal getestet und geprüft, in wie weit eine Fortsetzung der Therapie Sinn macht. Das Wachstumshormon hat im Alter nämlich auch Stoffwechselfunktionen. Wachstumshormone werden ja immer auch wieder im Zusammenhang mit Anti-Aging-Therapien erwähnt, also bei gesunden Menschen ohne Wachstumshormonmangel. Diese Art der zusätzlichen Gabe von Wachstumshormon ist nicht sinnvoll und kann gesundheitsschädlich sein.
rheinruhrmed: Sind die Wachstumshormone denn komplikationsfrei?
Priv.-Doz. Dr. med. Herrmann: Die Gabe von Wachstumshormone bei nachgewiesenem Wachstumshormonmangel stellt einen Ersatz bzw. Substitution dar, wie eine Brille bei einem Fehlsichtigen. Wachstumshormone können am Anfang einige wenige Nebenwirkungen haben, die jedoch rasch wieder zurückgehen. Und man darf die Hormone nur bei einem organisch bedingten, also Hirnanhangsdrüsen bedingten Kleinwuchs. Wenn das Kind einfach jetzt nur ein wenig kleiner ist, darf das Kind keine Wachstumshormone bekommen.
rheinruhrmed: Welche Rolle spielt dabei die Schilddrüse?
Priv.-Doz. Dr. med. Herrmann: Eine Störung der Schilddrüse kann sich ebenfalls auf das Wachstum auswirken. Im Speziellen kann eine Schilddrüsenunterfunktion zu Kleinwuchs führen. Auch das gilt es bei der Untersuchung abzuklären.
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