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"Viele Kliniken und Praxen im Ausland sind einfach besser" *

Klaus Mann

Dr. Claudia Mika

Geschäftsführerin von Temos GmbH (Ausgründung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt); Temos ist ein Zertifikat zur Qualitätsbestimmung von med. Leistungen im Ausland.

rheinruhrmed: Dr. Mika, stimmt es, dass die Zahl der Menschen, die sich im Ausland behandeln lassen, zunimmt?

Dr. Mika: Es gibt einige Zahlen zu dem Thema, zum Beispiel von den Unternehmensberatungen McKinsey oder Deloitte. Wir müssen dabei aber erst einmal unterscheiden, ob wir vom deutschen bzw. europäischen oder vom weltweiten Markt sprechen. Die Amerikaner reisen aufgrund ihres Gesundheitssystems schon seit langem ins Ausland, sogar bis nach Asien. Dort lassen sie sich dann teils aus preislichen, teils aus Qualitätsgründen behandeln. Selbst innerhalb von Asien reisen die Menschen häufig, um sich medizinisch betreuen zu lassen: Der Inder reist nach Singapur, der Indonesier nach Malaysia. Das ist da ganz normal. Im Vergleich dazu ist der Gesundheitstourismus in Europa natürlich noch eher weniger ausgeprägt.

rheinruhrmed: Woran liegt das?

Dr. Mika: Neben gewissen gesetzlichen Gründen liegt das vor allem daran, dass unsere medizinische Versorgung hier einfach besser ist. Man muss jedoch auch sagen, dass in den letzten Jahren in Deutschland der Gesundheitstourismus zugenommen hat, vor allem was die Bereiche Dentalmedizin und Schönheitsoperationen angeht.

rheinruhrmed: Nun sind aber z.B. gerade Schönheitsoperationen im Ausland immer auch mit dem unguten Gefühl behaftet, dass man da als Patient an Scharlatane geraten kann. Wie kann ich denn als Laie erkennen, welche Anbieter von medizinischen Leistungen im Ausland seriös sind?

Dr. Mika: Das ist schwierig. Im Moment haben Sie eigentlich nur die Möglichkeit, entweder durch Mund-zu-Mund-Propaganda an die richtige Adresse zu kommen oder Sie suchen im Internet z.B. „Zahnmedizin in Ungarn“ und können sich dann meist nur über die Webseite des Anbieters ein Urteil bilden. Und wenn der Anbieter etwa nach ISO 9001zertifiziert ist oder das Logo eines nationalen Qualitätssystems auf seiner Seite hat, dann ist das sicherlich schon mal ein Entscheidungskriterium.

rheinruhrmed: Das hört sich sehr vage an, besteht doch die Gefahr, dass sich der Patient letztlich für einen Anbieter entscheidet, nur weil dessen Internetseite besonders ansprechend gestaltet ist. Zudem besteht doch auch das Risiko, dass ein Qualitätssiegel gar nicht rechtmäßig erworben wurde, oder?

Dr. Mika: Das alles ist sicherlich möglich, aber ich würde mal behaupten, dass wenn eine Zahnklinik z.B. in Polen oder Ungarn ein ISO-Siegel hat, sie dieses auch in 99,9 Prozent der Fälle ganz seriös erworben hat. Das heißt aber nicht, dass sie am Tag danach auch noch entsprechend dem Zertifikat arbeiten. Die Gewähr haben sie nie, auch nicht in Deutschland. Aber man sollte davon ausgehen. Auf der anderen Seite muss man aber auch berücksichtigen, dass viele Praxen und Kliniken im Ausland einfach besser sind als in Deutschland. Es ist also nicht so, dass weniger Geld gleich schlechtere Qualität bedeutet. Man bekommt dort sehr, sehr gute, zum Teil sogar bessere Qualität. Man kann als Patient halt nur schwer die Spreu vom Weizen trennen.

rheinruhrmed: „Made in Germany“ muss also nicht immer besser sein.

Dr. Mika: Genau, wenn Sie sehen, wie gut international arbeitende Zahnkliniken aufgestellt und ausgerüstet sind, macht das manche Zahnärzte in Deutschland neidisch. Es gibt z.B. ungarische Zahnkliniken, die einmal in der Woche einen Arzt nach England schicken, der vor Ort die Voruntersuchungen macht, bevor die Patienten selbst nach Ungarn zur Behandlung fliegen. Wenn dann eine Nachsorge nötig wird, ist das bereits auch geklärt, schließlich sind die Ärzte ja regelmäßig in England. Diese Anbieter geben auch die Gewährleistung auf das Material usw. Das gibt es alles.

rheinruhrmed: Was Sie da beschreiben, hört sich ja sehr idealtypisch an. Können Sie grob abschätzen, auf wie viele Prozent der Praxen und Kliniken im Ausland das so zutrifft?

Dr. Mika: Dazu gibt es leider keine Zahlen. Und deshalb lässt sich das auch nur sehr schwer abschätzen.

rheinruhrmed: Aber es gibt doch auch immer noch genug Patienten, z.B. aus Russland oder aus dem arabischen Raum, die nach Deutschland fliegen, um sich hier behandeln zu lassen.

Dr. Mika: Das ist richtig, keine Frage. Wenn jemand z.B. aus den Emiraten nach Deutschland kommt, dann macht er das in der Regel deshalb, weil die deutsche Medizin international immer noch einen guten Ruf hat. Und im Vergleich sind wir aufgrund unseres deutschen Abrechnungssystems auch gar nicht so teuer. Es gibt viele Länder, auch in Europa, die wesentlich teurer sind, etwa die skandinavischen Länder oder Großbritannien. Zum Teil sind sogar medizinische Leistungen in Griechenland oder der Türkei teurer als bei uns. Deutschland hat es bisher – mal abgesehen von vielleicht fünf bis sechs großen Häusern – nur verpasst, sich im internationalen Gesundheitstourismus richtig zu etablieren.

rheinruhrmed: Jetzt wollen Sie „Temos“ einführen. Worum handelt es sich da?

Dr. Mika: Temos ist ein weltweites Zertifizierungssystem speziell für den Krankenhaus- und Dentalbereich, mit dem wir die internationale Qualität medizinischer Leistungen transparent gestalten wollen. Wir haben uns dazu mit Krankenkassen und mit Qualitätsmanagement-(QM)-Fachleuten unterhalten, um zu ermitteln, welche Bereiche abgedeckt werden müssen, damit so ein Zertifikat auch solide ist. Dazu gehört im Gesundheitstourismus auch die Frage, wie man sich als Patient auf den Aufenthalt im Ausland vorbereiten muss. So sollte im Dentalbereich vor dem Eingriff ein Kostenplan erstellt worden sein, der auch von der Krankenkasse im Vorfeld abgesegnet wurde, um ggf. die Zuzahlung der Krankenkasse sicherzustellen. Ganz wichtig ist die Regelung der Nachsorge. Denn was passiert, wenn etwas schief gehen sollte? Muss der Patient für eine Nachbehandlung z.B. wieder nach Ungarn zurück? Oder gibt es ein Netzwerk in Deutschland, in dem die Zahnärzte mit ihren Kollegen im Ausland zusammenarbeiten und in dem Fälle von dort dann weiterbehandelt werden? So eine Prozesskette gibt es bislang nur in sehr wenigen Fällen. Und wenn Sie sich da als Patient informieren wollen, sind Sie aufgeschmissen.

rheinruhrmed: Was muss denn ein Krankenhaus, eine Klinik oder eine Praxis im Ausland tun, damit sie von Temos zertifiziert wird?

Dr. Mika: Es gibt verschiedene Möglichkeiten. So kann es beispielsweise sein, dass eine (Reise-) Krankenversicherung ein Krankenhaus empfiehlt, weil sie mit dem Haus gut zusammenarbeitet und das Haus auch an einer Zertifizierung interessiert ist. Dann würden wir aktiv auf das Krankenhaus zugehen. Darüber hinaus recherchieren wir auch selbst, welche Krankenhäuser in welchen Ländern interessant sein könnten. Die Türkei ist beispielsweise so ein Schwerpunktland, wo wir dann „Kalt-Akquise“ betreiben. Letztlich können Krankenhäuser aber auch auf uns direkt zukommen, sich also bewerben. Bei uns auf der Webseite findet man die Kontaktdaten und im Download-Bereich gibt es einen siebenseitigen Fragebogen, auf dem man seine Daten hinterlassen kann. Wir treten dann in Kontakt. Dieser Kurzbogen muss in jedem Fall ausgefüllt werden, damit wir einen ersten Eindruck bekommen. Kommt eine Zusammenarbeit zu Stande, muss ein weiterer Fragebogen ausgefüllt werden, der 25 Seiten umfasst. Dieser Bogen geht in die Tiefe und fragt u.a. viele Zahlen nach Patientenfällen usw. ab. Diese Daten bilden die Grundlage für unseren Besuch vor Ort. Alle Krankenhäuser werden von uns besucht, in der Regel in Zweier-Teams. Bei einer kleinen Praxis dauert der Besuch einen Tag, in größeren Kliniken kann er bis zu vier Tagen dauern.

rheinruhrmed: Sind das immer unangemeldete Besuche?

Dr. Mika: Nein. Wir haben uns zwar anfangs überlegt, ob die Häuser, wenn wir uns anmelden, nicht am Tag zuvor z.B. noch mal besonders gründlich gereinigt werden. Aber ganz ehrlich, diese Befürchtung ist unbegründet. Ein Klinikbetrieb muss schließlich jeden Tag laufen. Da schafft man es gar nicht, die ganze Klinik von heute auf morgen noch mal komplett zu überholen. Abgesehen davon ist auch nicht immer bis auf die Minute genau zu planen, wo wir in einem Haus wann sind. Das heißt, das Haus kann gar nicht alles so auf die Minute genau herrichten.

rheinruhrmed: Wie gehen Sie konkret vor Ort bei der Begutachtung vor?

Dr. Mika: Wir gehen mit der Brille von QM und Medizin durch die Häuser und schauen, ob das Krankenhaus in der Lage ist, einen internationalen Patienten auf hohem Niveau zu behandeln. Wichtig ist hier, dass das vorhin beschriebene Zweier-Team immer aus mindestens 1 international erfahrenem Arzt und einem QM-Experten besteht. Es ist also nicht nur damit getan, dass man uns QM-Pläne zeigt. Wir sprechen z.B. auch mit Patienten und fragen, wie sie ihren Aufenthalt im Haus bewerten. Wir schauen uns auch die Küche an und probieren das Essen – übrigens, ein ganz wichtiges Kriterium für das Wohlbefinden der Patienten. Zudem schauen wir, ob es von den Zimmern her räumlich möglich wäre, dass Angehörige des Patienten in der Nähe schlafen können. Das alles geht durchaus über normale QM-Systeme hinaus. Ganz wichtig ist, dass wir immer versuchen, auf das im jeweiligen Krankenhaus bereits existierende QM-System aufzubauen und dieses zu optimieren. Dafür sind kulturelle Aspekte genauso wie nationale Vorschriften des jeweiligen Landes zu berücksichtigen. Das heißt, dass unsere Kriterien deutsches Qualitätsbewusstsein und deutsche Medizin wiederspiegeln, aber die Wege zur Umsetzung einer guten Qualität international unterschiedlich sind.

rheinruhrmed: Wenn ein Haus das Temos-Zertifikat erhalten hat, ist damit dann gesagt, dass alle Häuser mit diesem Zertifikat den gleichen Standard erfüllen? Oder gibt es da auch wie bei Hotels 1- bis 5-Sterne-Häuser?

Dr. Mika: Also, im Bereich der Notfallversorgung gibt es als Entscheidungskriterium sicherlich nur „Zertifikat“ oder „kein Zertifikat“. Zum Abschluss unseres Begutachtungsverfahrens erhält aber jedes Krankenhaus einen ausführlichen Bericht, in dem Anforderungen und Empfehlungen zur Verbesserung enthalten sind, und zwar mit konkreten Zeitvorgaben, bis wann diese Empfehlungen umgesetzt werden sollten. Solange wir rechtfertigen können, dass die medizinische Qualität gewährleistet wird, erhält das Haus das Temos-Zertifikat. Im Gesundheitstourismus erwartet der Patient aber auch, dass das Rundherum stimmt, also Service, Zimmer usw. Da werden wir schon im beschreibenden Text abstufen. Wenn also ein Patient künftig unseren Hospital-Guide oder unseren Dental-Guide zu Rate zieht, dann kann er daraus nicht nur die Fallzahlen entnehmen, sondern z.B. auch, ob ein Haus einen Fahrservice vom und zum Flughafen anbietet.

rheinruhrmed: Wer bezahlt Ihre Arbeit?

Dr. Mika: Die Krankenhäuser selber.

rheinruhrmed: Also könnte man sich doch vorstellen, dass vielleicht ein Haus sagte: „Kommt, ich verdoppele euer Honorar, wenn ihr hier und da ein Auge zudrückt.“

Dr. Mika: Das hat noch niemand versucht. Und das würden wir auch nicht zulassen, schließlich würden wir sonst unser komplettes System unglaubwürdig machen. Wir verhandeln auch unsere Preise nicht. Denn ein Haus könnte ja schließlich argumentieren, dass man in Indonesien vergleichsweise mehr arbeiten muss, um sich den Preis für eine Temos-Zertifizierung leisten zu können als in Europa. Unsere Preise sind danach gestaffelt, ob wir uns in einem kleinen oder einem großen Haus befinden. Ansonsten sind sie überall auf der Welt gleich. Dazu muss aber auch gesagt werden, dass eine Temos-Zertifizierung nur einen Bruchteil eines Krankenhaus-, Klinik- oder Praxis-Budgets beansprucht. Das heißt: Es ist in den seltensten Fällen eine Frage, ob ein Haus sich das leisten kann, sondern eher, ob es sich das leisten will. Das wiederum hängt davon ab, wie die Ausrichtung des Krankenhauses/der Klinik/der Praxis bzgl. Qualitätsmanagement und internationaler Ausrichtung ist. Gute, international ausgerichtete Krankenhäuser lassen sich ihre Qualität von neutraler Stelle validieren.


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