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Entzündung der Schilddrüse bei Schülern häufiger als gedacht *

Klaus Mann

Dr. med. Jennifer Krüger

Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, am
Endokrinologikum Ruhr, Wattenscheid (Zentrum für Hormon- und Stoffwechsel-Erkrankungen)

rheinruhrmed: Fr. Dr. Krüger, bei Schilddrüsenerkrankungen denkt man nicht sofort an Kinder. Warum sollte man es dennoch tun?

Dr. med. Krüger: Schilddrüsenerkrankungen sind die häufigsten endokrinologischen Störungen im Kindesalter. Sehr beruhigend ist allerdings, dass Kinder heute direkt nach ihrer Geburt auf etwaige Erkrankungen in diesem Bereich untersucht werden und bei einem Befund sofort mit der Therapie begonnen wird. Auch bei der Jugenduntersuchung J1 im Alter von 12-14 Jahren werden die Schilddrüsenwerte beim Kinder- und Jugendarzt bestimmt. Zudem sind Ärzte heute wesentlich aufmerksamer, wenn es um die Erkennung von Schilddrüsenerkrankungen geht. Das Besondere bei Kindern ist, dass sie eigene Normwerte für die Laborwerte und die Sonographie haben, weil ihr Körper anders arbeitet. Erst ab dem ungefähr 10. Lebensjahr rechnen wir bei der Sonographie mit den Werten, die wir auch bei Erwachsenen zu Grunde legen.

rheinruhrmed: Warum sind die Hormone, die in der Schilddrüse gebildet werden, gerade für Kinder, aber natürlich auch für Erwachsene so wichtig?

Dr. med. Krüger: Ein Kind braucht Schilddrüsenhormone im Mutterleib und vor allem in den ersten Lebensjahren zur Differenzierung der Zellen im Gehirn, also etwa zur geistigen Entwicklung, aber auch für das körperliche Wachstum. Schilddrüsenhormone haben zudem einen ganz wesentlichen Einfluss auf den Energiestoffwechsel und auf die Herzfunktion.

rheinruhrmed: Woran liegt es, dass es etwa z.B. zu einer Schilddrüsenvergrößerung kommt?

Dr. med. Krüger: Die häufigste Ursache für eine Vergrößerung der Schilddrüse ist immer noch der Jodmangel in unseren Breitengraden. Die Jodversorgung hat sich zwar in den vergangenen Jahren gebessert, zum einen durch das Jod als

Klaus Mann

Thema Schilddrüse

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Zusatzstoff in diversen Lebensmitteln, zum anderen durch den europäischen Binnenmarkt, durch den viele jodhaltige Produkte z.B. aus dem Mittelmeerraum zu uns gelangen. Trotzdem besteht nach wie vor ein gewisser Jodmangel. Deshalb beginnen wir bei einer Vergrößerung ohne Unterfunktion und ohne Nachweis von Antikörpern gegen die Schilddrüse in der Regel mit einer Jodtherapie, die wir über drei bis sechs Monate durchführen, jeweils immer mit einer Kontrolle des Ultraschalls.

rheinruhrmed: Eine Form der Schilddrüsenerkrankung bei Kindern ist die Schilddrüsen-Unterfunktion (Hypothyreose). Ist das eine Störung, die bereits im Mutterleib vorhanden ist?

Dr. med. Krüger: Ja, es gibt Kinder, die mit einer Schilddrüsenunterfunktion auf die Welt kommen. Das passiert bei 1 von 3000 Neugeborenen und ist damit also gar nicht so selten. Dabei unterscheiden wir bei den Neugeborenen zwischen einer vorübergehenden und einer dauerhaften Form der Unterfunktion. Das Tückische ist, dass die Kinder direkt nach der Geburt keine Symptome zeigen, da sie ja während der Schwangerschaft durch die Mutter gut mit Schilddrüsenhormon versorgt worden sind.

rheinruhrmed: Welche Symptome sollten hier bei Kindern aufhorchen lassen?

Dr. med. Krüger: Wir sehen dann Säuglinge, die eine schlaffe Muskulatur haben, nicht richtig trinken möchten, unter Verstopfung leiden und eine trockene Haut aufweisen. Viele Kinder leiden nach der Geburt auch unter einer Gelbsucht. Gut, das tun auch andere Kinder, die keine Schilddrüsenstörung haben. In den von mir gemeinten Fällen fällt jedoch auf, dass diese Gelbsucht nicht wieder so schnell zurückgeht wie sie es gewöhnlich nach einer Geburt tut. Kinder mit Schilddrüsenstörungen zeigen darüber hinaus im Verlauf eine verzögerte geistige Entwicklung, ihre Knochen entwickeln sich langsamer, sie haben eine vergrößerte Zunge und gröbere Gesichtszüge. Und das vielleicht Schlimmste daran: Da Schilddrüsenhormone nun mal eine wichtige Rolle bei der geistigen Entwicklung spielen, sind Schäden, die in der Frühphase entstehen, später leider nicht mehr zu korrigieren. Sie bleiben ein Leben lang bestehen.

rheinruhrmed: Im Vergleich zu frühen Zeiten ist die Früherkennung bei Kindern aber doch deutlich besser geworden. Woran liegt das?

Dr. med. Krüger: Nun, das liegt sicherlich am Neugeborenen-Screeing: Den Kindern wird am zweiten oder dritten Lebenstag ein wenig Blut entnommen, das dann auf etwaige vorhandene Stoffwechselerkrankungen untersucht wird; eine davon ist die angeborene Unterfunktion der Schilddrüse. Sollten die Laborwerte diese Unterfunktion bestätigen, beginnen wir sofort mit der Therapie. Wenn dies innerhalb der ersten 14 Lebenstage geschieht, sind die Chancen gut, dass sich das Kind normal entwickelt. Am Anfang kontrollieren wir die Kinder sehr engmaschig, ca. alle vier bis sechs Wochen. Danach, wenn die Kinder medikamentös gut eingestellt sind, in größeren Abständen. Wir achten dabei natürlich vor allem auf das Wachstum und die eben schon angesprochene geistige Entwicklung, aber man muss auch früh das Hörvermögen überprüfen, denn ohne Hörvermögen können Kinder nun mal keine Sprache entwickeln.

rheinruhrmed: Eine andere Form der Schilddrüsenerkrankung ist die Schilddrüsenentzündung (Autoimmun-Thyreoiditis). Auf welche Symptome sollte man hier achten?

Dr. med. Krüger: Diese Erkrankung kann auch zu einer Unterfunktion der Schilddrüse führen. Die Patienten können dann müde sein, sie nehmen Gewicht zu, spüren einen körperlichen und geistigen Leistungsabfall, was sich meist durch nachlassende Schulleistungen äußert. Sie frieren schnell, haben trockene Haut, leiden unter Verstopfung und haben Haarprobleme. Bei etwas älteren Kindern und Jugendlichen kann es sein, dass sich die Pubertät verzögert, bei den Mädchen kann es Unregelmäßigkeiten oder zum Ausbleiben der Blutung kommen. Es gibt eine Studie aus Amerika, wonach immerhin etwa 1,2 Prozent aller Schüler eine Autoimmun-Thyreoiditis haben und bei zirka 10 Prozent bereits entsprechende Antikörper nachweisbar sind. Die häufigsten Erkrankungen dieser Art haben wir übrigens in der Pubertät, und zwar häufiger bei Mädchen als bei Jungs.

rheinruhrmed: Welche Kinder haben ein erhöhtes Risiko, eine Autoimmun-Thyreoiditis zu bekommen?

Dr. med. Krüger: Das sind vor allem Kinder, bei denen sich eine familiäre Häufung nachweisen lässt, wobei bis heute noch niemand den entsprechenden genetischen Marker gefunden hat. Wo genau die genetische Störung also liegt, wissen wir noch nicht. Kinder und Jugendliche mit einem Typ 1 Diabetes mellitus haben ein erhöhtes Risiko, zudem Mädchen mit einem Turner-Syndrom. Außerdem haben Kinder mit einer Trisomie 21 ein erhöhtes Risiko. Bei all diesen Kindern sollte die Schilddrüsenfunktion also im Auge behalten werden.

rheinruhrmed: Dann gibt es noch die Schilddrüsen-Überfunktion (Hyperthyreose). Welche Symptome sind hierbei häufig?

Dr. med. Krüger: Eltern berichten uns, dass ihre Kinder plötzlich ängstlich, unruhig bzw. hyperaktiv sind. Sie sind müde, können trotzdem nicht mehr richtig schlafen, die Schulleistungen verschlechtern sich, die Handschrift verändert sich. Die Kinder nehmen Gewicht ab, obwohl sie plötzlich viel besser essen und trinken. Die Kinder können Durchfälle haben, Mädchen weisen auch Regelstörungen auf. Außerdem ist eine Beschleunigung der Herzschlagfrequenz bzw. Erhöhung des Blutdrucks festzustellen. Die Patienten können zittern, überwiegend an den Händen, und stark schwitzen. Manchmal zeigen sie auch auffällige Bewegungsmuster.

rheinruhrmed: Es gibt doch auch hier wieder eine angeborene Form der Überfunktion, oder?

Dr. med. Krüger: Richtig, diese angeborene Überfunktion zeigt sich bei einem Säugling u.a. an einer erhöhten Herzfrequenz und deutlich hervortretenden Augen. Meist leidet die Mutter des Kindes in solchen Fällen an Morbus Basedow. Das heißt, die Antikörper der Mutter gehen über auf das Kind, wodurch es zu einer Überstimulation der kindlichen Schilddrüse kommt. Gott sei dank sind solche Fälle jedoch selten: 0,2 Prozent der Schwangeren haben einen Morbus Basedow, und von diesen Kindern erkranken gerade einmal noch ein Prozent.

rheinruhrmed: Was, wenn eine Schilddrüsenveränderung bösartig ist?

Dr. med. Krüger: Von den bösartigen Veränderungen handelt es sich in gut 90 Prozent der Fälle um papilläre oder follikuläre Veränderungen, die sehr gut zu behandeln sind und eine sehr gute Prognose haben. Meist treten bösartige Veränderungen bei jenen Kindern auf, die bereits wegen einer bösartigen Erkrankung behandelt wurden, z.B. mit einer Bestrahlung im Kopf-/Halsbereich oder durch ihre familiäre Abstammung entsprechende Vorbelastungen haben. Wenn ein bösartiger Befund vom Pathologen gemeldet wird, entfernt ein Chirurg die komplette Schilddrüse.

rheinruhrmed: Welche Medikamente wenden Sie bei Kindern an, die an der Schilddrüse erkrankt sind? Und gibt es Medikamente, die in ihrer Dosis und Ausrichtung speziell auf Kinder ausgerichtet sind?

Dr. med. Krüger: Bei einer Vergrößerung der Schilddrüse, die durch einen Jodmangel bedingt ist, verabreichen wir Jodid in Tablettenform. Bei einer Unterfunktion oder bei einer Vergrößerung der Schilddrüse, die sich durch Jodid allein nicht zurückbildet, geben wir Schilddrüsenhormon (L-Thyroxin). Bei älteren Kindern verschreiben wir meist Tabletten. Für die Säuglinge und Kleinkinder steht uns in Deutschland ein Präparat in Tropfenform zur Verfügung, das genauer an das geringe Gewicht angepasst und besser verabreicht werden kann. Bei einer Überfunktion geben wir Medikamente, die die Schilddrüsenfunktion drosseln, die sog. Thyreostatika. Wirkstoff der Wahl ist das Thiamazol.


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