Prof. Dr. med. Klaus Mann
Chefarzt der Klinik für Endokrinologie der Universitätsklinik Essen (European Endocrinologist U.E.M.S., Diabetologe DDG)
rheinruhrmed: Es gibt Patienten, die ihre Schilddrüsentabletten nur nehmen, wenn sie sich schlecht fühlen. Ist das vernünftig?
Prof. Dr. med. Mann: Nein, das ist komplett falsch. Die persönliche Bedarfsmedikation bei der Schilddrüse ist dann völlig wertlos, da die Wirkung der Medikamente erst langsam einsetzt und die Halbwertzeit des Wirkstoffs Thyroxin ungefähr sieben Tage beträgt. Das heißt, wenn der Patient sein Medikament absetzt, dauert es eine Woche, bis sich die Wirkung des Medikaments halbiert hat. Es ist also völlig sinnlos, je nach Tageslaune die Tabletten mal wegzulassen und mal zu nehmen. Dieses Hin und Her kann vielmehr dazu führen, dass es z.B. zum Haarausfall kommt. Schließlich können die Haare durchaus sehr empfindlich auf solche ständigen Veränderungen reagieren. In der Regel dauert es ansonsten vier Wochen, bis der Körper das Absetzen der Medikamente in voller Wirkung spürt.
rheinruhrmed: Viele Patienten aber, denen die Schilddrüse entfernt wurde und die nun Medikamente nehmen, klagen über Befindlichkeitsstörungen, Mattheit usw. und machen dafür die Medikamente verantwortlich. Besteht da ein Zusammenhang?
Prof. Dr. med. Mann: Zunächst einmal muss man sagen, dass der Wirkstoff in diesen Medikamenten präzise das ist, was der Körper selbst produziert und dann umwandelt, nämlich Thyroxin. Es kommt nur sehr selten vor, dass ein Patient das Enzym für die Umwandlung nicht hat, so dass Thyroxin nicht in Trijodthyronin
Thema Schilddrüse
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konvertierbar ist. Am Wirkstoff liegt es also nicht, das ist schon mal wichtig zu wissen. Die andere Frage ist, wie das Schilddrüsenhormon dann ins Gehirn kommt. Das Gehirn hat hier nämlich eine eigene „Schleife“ der Hormonbildung von T4 nach T3. Es kann also durchaus sein, dass da im Hirn irgendein Mangel vorhanden ist, der jedoch schwer messbar ist. Das heißt, ich möchte jetzt nicht behaupten, dass es diese Beschwerden, die mir ein Patient oder eine Patientin beschreibt, nicht gibt. Nur sind sie halt schwer nachweisbar. Zudem hat jeder Patient sozusagen seinen eigenen idealen Punkt bei der Schilddrüsenregulation. Für den einen ist ein TSH-Wert von 2,5 völlig normal, während der andere bei 0,5 sich gut fühlt. Theoretisch müsste man den TSH-Wert bei gesunden Menschen in jungen Jahren messen und archivieren, so dass man später, wenn die Schilddrüse entfernt wird, genau sagen kann: „Ach, der Herr Meier fühlt sich bei 2,5 wohl.“
rheinruhrmed: Könnte man nicht aber einfach sagen: viel hilft viel? Also lieber mehr als zu wenig nehmen?
Prof. Dr. med. Mann: Nein, leider nicht. Wenn man Patienten zu viel gibt, fühlen die sich Muskelschwach, etwa in den Beinen. Wir wissen: Die Kraft und Muskulatur in den Beinen wird schon bei grenzwertiger Überfunktion abgebaut. Es kommt also wirklich auf eine individuelle Abstimmung an. Was wir auch wissen, ist, dass es bei der Immunthyreoiditis häufiger zu depressiven Veränderungen oder auch zu Befindlichkeitsstörungen kommt. In der Diskussion um Selen hat man herausgefunden, dass derartige Verstimmungen signifikant durch die Gabe von Selen beeinflusst werden. Patienten, die Selen bekommen, fühlen sich besser. Warum das so ist, weiß niemand. Es hat aber einen psychotropen Effekt.
rheinruhrmed: Wo wir gerade bei Symptomen sind: Ist Bluthochdruck ein häufiges Symptom für Unterfunktion (Hypothyreose)?
Prof. Dr. med. Mann: Vor allem der diastolische Wert ist bei der Hypothyreose in der Regel erhöht. Das muss nicht sehr viel sein, das können auch „nur“ 10 mm/Hg sein. Aber immerhin. Der systolische Wert ist hingegen eigentlich nicht wesentlich erhöht. Bei der Überfunktion hingegen ist es typisch, dass eine große Amplitude zwischen den Werten vorliegt: Patienten haben dann z.B. einen Blutdruck von 150 zu 65 mm/Hg. Das geht jedoch unter Therapie auch relativ rasch wieder runter.
rheinruhrmed: Welche Rolle spielt das Cholesterin?
Prof. Dr. med. Mann: Typisch ist, dass das Cholesterin hoch geht, und zwar das LDL-Cholesterin. Durch die Gabe von Schilddrüsenhormonen können Sie es wieder senken. Ob Sie es jedoch normalisieren, ist die Frage. Oft nämlich ist ein hoher Cholesterin-Wert kombiniert mit einer Fettstoffwechsel-Störung, die angeboren ist, die aber durch die Unterfunktion verschlechtert wird. Durch die Fettstoffwechselstörung haben Sie also z.B. einen Wert von 210 und aufgrund der Unterfunktion dann einen Wert von 240.
rheinruhrmed: Wie sollte dieser Wert behandelt werden?
Prof. Dr. med. Mann: Das hängt davon ab, welche Risiken Sie sonst noch haben, also ob Sie übergewichtig sind, ob Sie unter Bluthochdruck leiden, einen Diabetes haben usw. Je nach dem senken wir ja die Cholesterinwerte unterschiedlich. Viel wichtiger aber als das Gesamtcholesterin ist ja das LDL-Cholesterin: Einen Diabetiker, der übergewichtig und Bluthochdruckpatient ist, senken wir bzgl. des LDL-Cholesterin auf unter 100. Dagegen kann bei einem schlanken Patienten, der vielleicht auch noch ein wenig Sport treibt, der LDL-Wert durchaus bei 150 liegen. Das ist ganz unterschiedlich.
rheinruhrmed: Kommen wir zu einem speziellen Fall der Unterfunktion: die Unterfunktion während der Schwangerschaft. Ist das eine Gefahr?
Prof. Dr. med. Mann: Eine Frau braucht während einer Schwangerschaft 50 Prozent mehr Schilddrüsenhormone als davor. Wenn jetzt eine Patientin also schon eine Autoimmunthyreoditis hat oder aus irgendwelchen Gründen Schilddrüsenhormone braucht, muss die Dosis in der Schwangerschaft gesteigert werden. Aus den USA gibt es dazu eine interessante wissenschaftliche Arbeit, die gezeigt hat, dass die geistige Entwicklung von Kindern deutlich schlechter ist, wenn sie während der Schwangerschaft nicht ausreichend mit Schilddrüsenhormonen versorgt wurden. Bis zur ca. 10. Schwangerschaftswoche hängt das Kind komplett von den Schilddrüsenhormonen der Mutter ab, weil sich die Schilddrüse beim Kind erst in dem Alter entwickelt. In der Phase davor ist es also auf die Hormone der Mutter angewiesen. Dieser Prozess muss während der Schwangerschaft auch entsprechend überwacht werden, damit man den Patientinnen nicht zu wenig gibt.
rheinruhrmed: Wie engmaschig sollte diese Kontrolle erfolgen?
Prof. Dr. med. Mann: Wenn man eine Unterfunktion hat, sollte man schon vor der Konzeption schauen, dass man einen normalen TSH-Wert hat. Vier Wochen nach der Konzeption sollte man dann kontrollieren lassen, ob der Wert noch in Ordnung ist. Eine weitere Kontrolle sollte nach ca. drei Monaten erfolgen, um auch ganz sicher zu gehen, dass das TSH nicht wieder ansteigt. Der wichtigste Zeitraum sind eben die ersten drei Monate. Der Normbereich liegt normalerweise zwischen 0,4 und 4, aber in der Schwangerschaft würde ich empfehlen, den TSH-Wert zwischen 1 und 2 zu bringen, nicht höher. In der Schwangerschaft verliert eine Frau übrigens mehr Schilddrüsenhormone als sonst. Gleiches gilt für Jod, das in dieser Zeit wie das Schilddrüsenhormon verstärkt über den Urin ausgeschieden wird. Ich höre da immer wieder von Patienten, die sagen, dass sie ja eine Autoimmunthyreose hätten und kein Jod in der Schwangerschaft nehmen dürften. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Sie müssen einer Patientin während der Schwangerschaft kleine Dosen Jod geben, um den Verlust auszugleichen – nur eben nicht zu viel.
rheinruhrmed: Welche Menge Jodid sollte eine Schwangere zu sich nehmen?
Prof. Dr. med. Mann: In der Schwangerschaft empfehlen wir 100 bis 200 Mikrogramm Jodid. Früher hatte man generell eher 200 Mikrogramm Jodid empfohlen. Aber da die Jodversorgung der Bevölkerung allgemein etwas besser geworden ist, reichen im Grunde 100 bis 150 Mikrogramm. Meist ist das in diesen Kombinationspräparaten, die man während der Schwangerschaft zu sich nimmt, aber eh schon enthalten.
rheinruhrmed: Sollte die Menge TSH konstant gehalten werden während der Schwangerschaft?
Prof. Dr. med. Mann: Wenn Sie ungefähr die 12. Schwangerschaftswoche erreichen, kommt das Schwangerschaftshormon hCG am stärksten zur Wirkung. Es hat zum Teil eine Wirkung wie das TSH. Das heißt, das Schwangerschaftshormon HCG stimuliert dann die Schilddrüse zusätzlich, so dass die Patientin eigentlich weniger TSH bräuchte. Der Unterschied ist aber in der Regel so gering, dass man das Thyroxin beibehält. Wenn dann nach der 12. Schwangerschaftswoche das TSH wieder absinkt, ist das eben dieser Effekt. Es ist also keine Überfunktion. Das gleicht sich wieder aus. Übrigens, deswegen gibt es auch den Ausdruck „Schwangerschafts- Hyperthyreose“, die aber nicht behandlungsbedürftig ist.
rheinruhrmed: Wenn ein Schilddrüsenpatient Thyroxin einnimmt, kann man dann sagen, er ist gesund?
Prof. Dr. med. Mann: Ja, der Normalpatient ist mit der richtigen Substitution gesund. Auch, weil die Antikörper, die im Blut nachgewiesen werden können, keine sonstige Störung verursachen. Es gibt jedoch potentielle Begleiterkrankungen, etwa weitere Autoimmunerkrankungen wie z.B. eine Störung in der Blutbildung oder Vitiligo, auch Weißfleckenkrankheit genannt; das ist eine Autoimmun-Krankheit, die sich gegen jene Zellen in der Haut richtet, die für die Braunfärbung der Haut verantwortlich sind.
rheinruhrmed: Aber das sind ja keine Hashimoto-Antiköper, die die anderen Organe angreifen.
Prof. Dr. med. Mann: Das stimmt, diese Antikörper verursachen auch keine Kreuzwirkung. Das sind komplett andere Antikörper, die die Begleiterkrankungen auslösen. Die Schilddrüsenantikörper machen also nichts, sie haben keine zerstörende oder sonst wie geartete negative Wirkung. Sie sind lediglich ein Zeichen, dass der Patient die Autoimmunthyreoditis hat. Die Antikörper wirken sich nicht direkt auf die individuelle Befindlichkeit eines Patienten aus. Wir haben das mal untersucht.
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