Dipl.-Psych. Dietmar Langer
Leitender Psychologe der
Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen.
rheinruhrmed: Hr. Langer, Pubertät ist zwar keine Krankheit, dennoch kommt es zu massiven Veränderungen beim Jugendlichen. Welche sind das?
Dipl.-Psych. Langer: Neben den sichtbaren körperlichen Veränderungen geschehen rasante Veränderungen bezüglich der Persönlichkeit, Sozialverhalten und Intelligenz. Wir wissen aus der aktuellen Hirnforschung, dass während der Pubertät im Gehirn – getriggert (ausgelöst; Anm. d. Red.) über Hormone – enorme Umbauprozesse stattfinden. Das hatte man jahrzehntelang gar nicht so vermutet. Aber es kommt tatsächlich zu neuen synaptischen Verbindungen, was ja nichts anderes als „lernen“ bedeutet. Früher dachte man, dass der Mensch sozusagen einen Pool an Verbindungen hat, die er sich im Rahmen der Schwangerschaft und frühen Kindheit zugelegt hat – und was nicht benutzt wird, baut sich dann allmählich ab. Das aber ist in der Pubertät dann doch anders. Hier kommt es zu einem Intelligenzschub, was neurologisch bzw. hirnphysiologisch auch messbar ist.
rheinruhrmed: Kommen wir aber noch mal kurz zur hormonellen Umstellung, die ja in dieser Lebensphase nicht unwesentlich ist.
Dipl.-Psych. Langer: In der Pubertät sehen wir zuerst auf die körperliche Entwicklung, die durch Hormone ausgelöst wird. Viel wichtiger sind jedoch die Entwicklung der Persönlichkeit und die damit verbundenen Lernprozesse. Hier spielt die Ausschüttung von Stresshormonen eine wichtige Rolle, sie sind die Trigger, die diese Lernprozesse in Gang setzen. Vieles, was bislang im Leben der Jugendlichen sicher schien, wird in der Pubertät auf die Probe gestellt. Sie kommen von einem Leben, das von Abhängigkeit geprägt war, nun in die Erwachsenenwelt, in der sie mehr und mehr auf sich allein gestellt sind. Die Jugendlichen sind damit körperlich und geistig unter Stress, und unter Stress ist nun mal niemand wirklich kooperativ. Unter Stress schränkt sich natürlich auch die Konzentrationsfähigkeit ein, womit wir beim Thema Schule und dem Abfallen der Schulnoten wären. Im Schnitt gehen die Noten während der Pubertät um eine Zensur runter. Das ist erzieherisch kaum beeinflussbar. Für uns Eltern ist es wichtig, Geduld zu haben und die Führung zu behalten.
rheinruhrmed: Das klingt für viele Eltern bestimmt eher ernüchternd, wenn sie eigentlich nur weitgehend untätig zusehen können und den Veränderungen freien Lauf lassen müssen.
Dipl.-Psych. Langer: Na ja, völlig freien Lauf sollten sie ihren Kindern natürlich nicht lassen. Aber die Kinder brauchen die Eltern eher im Hintergrund. Das heißt wiederum, dass Eltern nicht unbedingt alles persönlich nehmen sollten, wenn die Mädchen zickiger werden oder die Jungs ihre Aggressionen austoben. Die Jugendlichen suchen in den Eltern ein Gegenüber, an dem sie sich reiben und ihre eigene Position ausloten können.
rheinruhrmed: Das sagt sich jetzt natürlich so leicht. Woran erkennen Eltern denn, dass das Verhalten ihres Kindes nun tatsächlich auf die Pubertät zurückzuführen und nicht etwa besorgniserregend ist?
Dipl.-Psych. Langer: Das ist natürlich immer die Frage, ganz so einfach lässt sich das natürlich nicht erkennen. Sicherlich aber lässt sich so etwas über einen gewissen Zeitraum ablesen, über den Verlauf und über das Alter. Bei den Mädchen geht es im Schnitt im Alter von 10 Jahren los, bei den Jungs im Schnitt zwei Jahre später. Das ist sicherlich ein erster Marker, der darauf schließen lässt, dass ein Verhalten doch eher mit der Pubertät zu erklären ist. Ob nun aber doch eher eine schief gelaufene Erziehung daran schuld ist, lässt sich meist nur abschätzen, wenn das Verhalten chronisch wird. Das heißt, dass es über einen längeren Zeitraum in vielen Bereichen immer schlimmer wird.
rheinruhrmed: Was heißt in diesem Zusammenhang „über einen längeren Zeitraum“?
Dipl.-Psych. Langer: Eine Chronifizierung ist immer ein Prozess über mehrere Monate oder sogar Jahre, wir reden hier also nicht über tage- oder meinetwegen wochenweise auftretende Probleme.
rheinruhrmed: Viele Erzieher beobachten, dass die Pubertät immer früher einsetzt. Ist dem tatsächlich so? Oder sind wir als Gesellschaft nur sensibler für das Thema?
Dipl.-Psych. Langer: Nein, das ist tatsächlich so. Die Pubertät setzt immer früher ein, weil wir auch immer früher aus der Kindheit herauskommen und schon eher gefordert werden, am Leben teilzunehmen. Die Grenze zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt verwischt zunehmend. Vor einigen Jahrzehnten war das noch nicht der Fall. Wenn man sich allerdings einige Naturvölker anschaut, bei denen die Pubertät noch früher einsetzt, können wir davon ausgehen, dass es in der Menschheitsentwicklung eher unnormal ist, dass die Pubertät so spät einsetzt wie sie es bei uns in den letzten Jahrzehnten getan hat.
rheinruhrmed: In der Steinzeit war es selbstverständlich so, dass ein Junge im Alter von 15 Jahren auf dem Höhepunkt seines Lebens war. Ganz einfach deshalb, weil die Lebenserwartung damals im Schnitt gerade mal bei nur knapp 30 Jahre lag und er seine Sippe ernähren musste. Sprich: Die Pubertät hat also eigentlich in dieser Lebenszeit aus biologischer Sicht ihr Gutes.
Dipl.-Psych. Langer: Sagen wir es mal so: In dieser Zeit sind wir programmiert auf Handeln und Zugewinn, Überleben und Macht. Die körpereigenen Stressreaktionen liefern dazu die nötige Energie. Aber das sind natürlich alles Zwischenhirnprozesse, die nichts damit zu tun haben, was wir bewusst denken oder überlegen. Wenn man mit den Jugendlichen einzeln redet, sind sie oft auch ganz vernünftig oder einsichtig, handeln aber nicht danach, da diese biologischen Grundmechanismen auf einer ganz anderen Ebene im Gehirn angesiedelt sind, die nicht bewusst steuerbar ist. Deswegen versteht sich der Jugendliche ja manchmal auch selbst nicht. Er ist im Gespräch durchaus nicht unvernünftig, macht dann aber doch anschließend genau das Gegenteil. Für den Jugendlichen selbst wie für die Gesellschaft ist es wichtig, dass er in dieser Zeit einer hohen Leistungsfähigkeit Aufgaben hat, an denen er sich erproben kann, anstatt seine Energien sinnlos und vielleicht sogar zerstörerisch im Alltag zu verschwenden.
rheinruhrmed: Sie halten Vorträge, unter anderem zum Thema „Abenteuer Pubertät“ …
Dipl.-Psych. Langer: … richtig, das ist übrigens der Vortrag, der am meisten nachgefragt wird …
rheinruhrmed: … woran liegt es, dass ausgerechnet dieser Vortrag auf so großes Interesse stößt? Liegt es vielleicht daran, dass das Thema durch Sende-Formate wie „Super-Nanny“ erst so viele „Antennen“ in den Köpfen der Eltern gefunden hat?
Dipl.-Psych. Langer: Dass Pubertät überhaupt mal zum Thema geworden ist, würde ich ja noch als Vorteil verstehen. Erziehung hat insgesamt einen wichtigen Stellenwert bekommen, was gut ist. Auf der anderen Seite hat sich die Zeit der Pubertät aber auch geändert: Wir erleben in unserer Klinik immer wieder, dass die Kinder und Jugendlichen heute mit viel schwerwiegenderen Problemen zu uns kommen als noch vor 15 Jahren. Das heißt, die Verhaltensmuster werden immer exzessiver. Wir haben zum Beispiel viele Kinder, die schon monatelang nicht mehr zur Schule gegangen sind. Sie sind dermaßen unter Stress, leiden unter Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Infekten usw. Die psychosomatischen Krankheiten nehmen zu, Depressionen, Verhaltensauffälligkeiten, Aggressionen. Viele Eltern werden dem nicht mehr Herr.
rheinruhrmed: Welche Rolle spielen Medienberichte wie jüngst über Minderjährige, die sich ins Koma saufen? Sind solche Verhaltensmuster tatsächlich mehr geworden? Oder haben wir nur mehr Kameras, die auf solche Fälle draufhalten?
Dipl.-Psych. Langer: Zunächst einmal: Jugendliche haben natürlich immer Mist gemacht, zu allen Zeiten. Sie haben halt das genommen, was gerade „in“ war. Allerdings hat es diese exzessiven Auswüchse nicht gegeben, was sich eben mit dem zunehmenden Stress erklären lässt. Die Kinder haben bereits von klein auf ein wesentlich höheres Stressmaß zu verarbeiten als wir das noch in unserer Kindheit mussten. Wer ein hohes Stresspotential hat, sucht erst mal nach Spannungslösern, das ist ganz normal. In unserer Kultur ist das sicherlich der Alkohol oder auch der Sport. Da man sich unter Stress allerdings auch schlechter organisieren kann, verlassen viele Jugendliche dann auch wieder die Vereine und rotten sich mehr in losen Gruppen zusammen.
rheinruhrmed: Welchen Tipp können Sie Eltern geben, die trotz Pubertät noch ein einigermaßen harmonisches Familienleben aufrecht erhalten wollen?
Dipl.-Psych. Langer: Eltern sollten auf gemeinsame Zeit mit ihrem Kind bestehen. Oft machen Eltern ja den Fehler, indem sie denken: „Gut, wenn er nicht will, dann halt nicht“. Die Jugendlichen werden sicherlich nicht freiwillig zugeben, dass sie grundsätzlich gern mit ihren Eltern zusammen sind. Diese „Ernte“ fahre ich als Eltern sicherlich nicht immer sofort ein, aber die Jugendlichen werden dadurch etwas kooperativer. Entscheidend ist die Zeit zu zweit, die stärkt und fördert die Bindung. Es hilft also nichts, als Familie immer nur etwas gemeinsam zu unternehmen. Im Zweifel wird sich ein Kind z.B. nach einem Familienbesuch auf der Kirmes immer noch nicht beachtet fühlen, weil es hier nicht um die Zweierbeziehung, sondern um einen Ausflug als Familie ging.
rheinruhrmed: Viele Eltern versuchen, ihren pubertierenden Kindern auf gleicher Augenhöhe zu begegnen – als Zeichen, dass sie sie ernst nehmen wollen. Ist das eine richtige Strategie, eher die Kumpel-Schiene zu fahren?
Dipl.-Psych. Langer: Nein, Eltern sind immer Eltern, niemals Kumpel. Kinder sind nämlich grundsätzlich hierarchisch denkende Wesen. Ein Phänomen, was übrigens auch wieder in der Zwischenhirne-Ebene angesiedelt ist, also ebenfalls nicht willentlich beeinflusst werden kann. Wenn ich als Elternteil nun als Kumpel auftrete, bin ich keine Führungsperson – also sagt sich das Kind: „Auf den muss ich nicht hören“. Als Elternteil bin ich immer mindestens einen Tick über dem Kind, weil ich Entscheidungen über Rahmenbedingungen treffe. Eltern müssen das letzte Wort haben.
rheinruhrmed: Aber auch Eltern sind doch einem gewissen Stress ausgesetzt.
Dipl.-Psych. Langer: Das ist richtig. Viele halten die Spannung weniger aus und neigen deshalb auch dazu, eher nachzugeben. Diese Entwicklung passiert aber nicht erst in der Pubertät. In der Pubertät sehen wir nur erst, was bereits fünf, sechs Jahre vorher in der Kommunikation zwischen Eltern und Kind schief gelaufen ist.
rheinruhrmed: Wie können Eltern ihre Kinder in der Pubertät konkret unterstützen?
Dipl.-Psych. Langer: Eltern müssen Stress aus dem Alltag des Kindes nehmen, Auszeiten gewähren. Sie müssen ihre Erwartungen an das Kind, die vielleicht manchmal etwas zu hoch sind, zurückschrauben. Zudem müssen sie eigene Empfindsamkeiten zurückstellen. Das ist natürlich alles leicht gesagt, aber genau zu diesen Punkten kommen wir auch immer in den Therapiemaßnahmen. Die Eltern wissen ja auch meistens, was richtig wäre, sie kriegen es oft nur aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte nicht hin, das auch einzufordern und umzusetzen. Alte Muster von früher spielen immer wieder mit rein. Auch die gilt es zu ändern.
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