Uwe Forner
Leitender Oberarzt an der Klinik für Urologie am Bergmannsheil in Gelsenkirchen-Buer; Arzt für Urologie
Das Interview entstand im Rahmen eines Vortrags vor der Prostata-Selbsthilfegruppe Gelsenkirchen Buer:
rheinruhrmed: Woran merkt ein Mann im Alltag, dass seine Prostata vergrößert sein könnte?
Oberarzt U. Forner: Die Symptome sind aus Sicht des Patienten nicht immer eindeutig. Ältere Männer gehen z.B. etwas häufiger auf Toilette und stehen auch länger am Pissoir. Ich frage die Patienten dann immer, wie kräftig denn der Harnstrahl noch ist. Wenn er nur noch tröpfelt und die Fußspitzen schon in Gefahr sind, kann das an einer vergrößerten Prostata liegen. Diese Symptome können aber auch andere Ursachen haben. Zudem können natürlich auch Frauen solche Symptome haben, die sich dann z.B. auf Blasensteine, einen Blasentumor oder Inkontinenz zurückführen lassen. Das sollte im Einzelnen Ihr Urologe, Hausarzt oder Frauenarzt herausfinden.
rheinruhrmed: Was ist denn so schlimm an einer gutartig vergrößerten Prostata?
Oberarzt U. Forner: Eine gutartige vergrößerte Prostata engt die Harnröhre ein. Auf Röntgenbildern sieht man in solchen Fällen oft, dass die Prostata einen Großteil der Harnblase einnimmt. Dazu muss man wissen, dass die Prostata im Normalzustand wesentlich kleiner ist als die Blase. Die Vergrößerung kann nun dazu führen, dass die Harnblase nicht mehr komplett entleert wird, immer mehr
Thema Prostata
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Rest-Urin sich in der Blase ansammelt und es zu einem Rückstau des Urins bis in die Nieren kommt. Wenn der Mann nun schon lange damit lebt und sich daran gewöhnt hat, alle 30 Minuten auf die Toilette gehen zu müssen, kann das letztlich zur inneren Vergiftung und zu einer Urämie (Nierenversagen) führen, wenn er nicht frühzeitig einen Arzt aufsucht.
rheinruhrmed: Das Tückische ist also daran, dass es ein schleichender Prozess ist und man sich irgendwann mit dem ständigen Zur-Toilette-Gehen abfindet?
Oberarzt U. Forner: Ja, ich frage die Patienten oft, ob es denn beim Wasserlassen Probleme gibt. Und meist sagen sie dann: „Nein, alles gut!“ Und wenn ich sie dann frage, wie oft sie denn zur Toilette müssen, und sie mir dann z.B. „alle 50 Minuten“ sagen, dann entgegne ich, ob sie das mit 20 Jahren auch schon so häufig mussten. In der Regel ist das natürlich dann nicht der Fall. Aber das zeigt eben, wie sehr man sich über die Jahre daran gewöhnt hat.
rheinruhrmed: Welche Ursachen führen zu einer gutartigen Prostatavergrößerung?
Oberarzt U. Forner: Das gibt es eine Menge. Vor allem aber ist die gutartige Prostatavergrößerung durch den Alterungsprozess bedingt. Als weiterer Risikofaktor gilt Alkohol. Das sollte man aber nicht mit den immer wieder gehörten Geschichten verwechseln, in denen Patienten einen akuten Harnverhalt bekommen, nachdem sie z.B. am Abend zuvor beim Grillen ein paar Bierchen mehr getrunken hat. Der Harnverhalt liegt dann meist eher daran, dass sich die Patienten an dem Grillabend etwas „verkühlt“ hat. Übrigens, das Rauchen ist ausnahmsweise Mal nicht schuld an einer gutartigen Vorsteherdrüsenvergrößerung.
rheinruhrmed: Können Patienten vorbeugend etwas gegen die Prostatavergrößerung tun?
Oberarzt U. Forner: Ja, vorbeugend ist zu empfehlen, sich ballaststoffreich, fett- und kalorienreduziert zu ernähren. Man sollte also z.B. weniger tierische und mehr pflanzliche Fette zu sich nehmen. Außerdem ist es wichtig, ausreichend Wasser zu sich zu nehmen. Wir wissen zwar, dass das Durstgefühl mit zunehmendem Alter abnimmt. Der Mensch sollte aber dennoch rund zwei Liter Urin pro Tag produzieren. Schließlich müssen die ganzen Abbauprodukte aus dem Körper heraus gespült werden. Einer Niere ist nicht damit geholfen, wenn ich wenig trinke, denn dann muss die Niere viel aktiver arbeiten. Je mehr ich trinke, desto eher kann die Niere die Schadstoffe sozusagen im Vorbeifließen abgeben. Übrigens ist es ein Trugschluss, wenn Patienten, die nachts häufig raus müssen, glauben, dass sie deshalb einfach nur weniger trinken müssten. Damit bewirken sie nämlich nicht viel, denn sie müssen genauso oft gehen, weil der Urin höher konzentriert ist. Er ist aggressiver, so dass er die Blase noch mehr reizt. Zudem sind natürlich ausreichend Bewegung, eine trainierte Beckenbodenmuskulatur und eine optimale Blutversorgung wichtig. Verschiedene Studien lassen außerdem vermuten, dass bei regelmäßiger sexueller Aktivität eine geringere Wahrscheinlichkeit einer Prostatavergrößerung besteht. Hierzu gibt es aber noch keine konkrete Studie, die explizit das untersucht hat.
rheinruhrmed: Wie untersucht ein Urologe, wenn er prüfen will, ob der Harn richtig fließt?
Oberarzt U. Forner: Die Patienten müssen in der Regel einmal in einen Trichter hinein Wasser lassen. Durch ein Messgerät am Ende des Trichters kann der Urologe dann sehen, welche Menge innerhalb welcher Zeit fließt und daran bereits ablesen, woran es liegen könnte. Danach wird per Ultraschall überprüft, ob die Blase auch wirklich leer ist.
rheinruhrmed: In der Fernsehwerbung wird bei Blasenproblemen immer gern mit Natur-Extrakten geworben. Was ist dran an diesen Präparaten?
Oberarzt U. Forner: In Deutschland haben wir über viele Jahrzehnte gute Erfahrungen mit den so genannten Phytopharmaka gehabt. Das sind pflanzliche Produkte, etwa Kürbiskern-Extrakte, Brennnesselwurzel-Extrakte usw. In den letzten Jahren ist das allerdings deutlich zurückgegangen, weil die Krankenkassen die Kosten nicht mehr übernehmen. Das liegt daran, dass trotz subjektiv empfundener Linderung der Beschwerden bei den Patienten objektiv betrachtet zumeist keine Verbesserung der Harnflusskurve und der Restharnwerte festgestellt werden konnte. Das heißt, die Symptome besserten sich, nicht aber die Ursachen. Deshalb kriegen Patienten heute so genannte Alpha-1-Blocker. Und wenn das nicht ausreicht und die Prostata sehr groß ist, dann gibt es einen 5-Alpha-Reduktase-Hemmer.
rheinruhrmed: Was bedeutet Alpha 1 und 5-Alpha?
Oberarzt U. Forner: Mit Alpha 1 bezeichnet man die Rezeptoren, die im Muskel am Blasenhals und in der Blase selbst sitzen. Dadurch also, dass man den Muskel durch die Alpha-1-Blocker insgesamt etwas lockert, schafft es die Blase, sich aus eigener Kraft zu entleeren, weil der Widerstand der Prostata kleiner ist. Der 5-Alpha-Reduktase-Hemmer hingegen greift direkt in den Stoffwechsel der Prostata ein, wodurch die Prostata pro Jahr zwischen 2 und 4 ml schrumpft. Negativer Nebeneffekt bei den 5-Alpha-Reduktase-Hemmern ist es, dass auch der PSA-Wert herabgesetzt wird. Bevor ich also mit der Medikation beginne, sollte ich den Ausgangs-PSA-Wert kontrollieren. Denn wenn man normalerweise ab einem PSA-Wert von 4 den Patienten zur Vorsicht auf ein Prostata-Karzinom hin untersucht, müsste man sich bei der regelmäßigen Einnahme von 5-Alpha-Reduktase-Hemmern schon ab einem Wert von 2 Gedanken machen. Bei der Bewertung des PSA-Wertes muss man aber auch immer wieder sagen, dass die Entwicklung des Prostatawertes, also die Folge von mehreren Prostatawerten entscheidend ist. Der PSA-Wert kann nämlich manchmal auch nur kurzfristig erhöht sein.
rheinruhrmed: Wie wirkungsvoll ist eine medikamentöse Behandlung?
Oberarzt U. Forner: Sie ist durchaus wirkungsvoll, was Sie allein daran sehen können, dass von 1984 bis 1990 etwa 15 von 1000 Männern in Deutschland eine TUR-Prostata, also eine Resektion (= Verkleinerung) der Prostata über die Harnröhre, erhalten mussten, während es in den Jahren 1991 bis 1997 schon nur noch 7 von 1000 Männern waren.
rheinruhrmed: Ab wann sollte man eher eine Operation ins Auge fassen?
Oberarzt U. Forner: Absolute OP-Indikation ist natürlich ein akuter Harnverhalt (die Unfähigkeit trotz massiven Druckes die übervolle Harnblase zu entleeren). Aber auch wenn trotz Medikation regelmäßig mehr als 60 ml oder 100 ml Harn in der Blase nach dem Toilettengang zurückbleiben, sollte man operieren. Ein weiterer Punkt, der für eine OP spricht, ist der Wert des so genannten IPSS-Fragebogens. Dort wird u.a. gefragt, wie oft man in der Nacht Wasser lassen muss, wie oft unterbrochen werden muss, um dann wieder neu anzusetzen usw. Da gibt es bestimmte Zahlenwerte – und wenn dieser Zahlenwert über 20 liegt, sollte man ebenfalls operieren. Auch Blasensteine oder Aussackungen an der Blasenwand können für eine Operation sprechen.
rheinruhrmed: Wie entstehen denn Aussackungen an der Blasenwand?
Oberarzt U. Forner: Sie entstehen, wenn die Blase regelmäßig unter enormem Kraftaufwand versucht, sich zu entleeren. Man kann sich vorstellen, dass dabei die Muskelstränge in der Blasenwand so richtig beansprucht werden, was zur Folge hat, dass zwischen den Strängen Lücken entstehen. Dort flutscht die Schleimhaut dann durch. Es kommt also zu einer Aussackung. Das nennt man übrigens auch Blasen-Divertikel.
rheinruhrmed: Sie sprachen eben schon die TUR-Prostata als Behandlungsmethode an. Wie funktioniert sie genau?
Oberarzt U. Forner: Bei der Trans-Urethralen-Resektion wird die Prostata durch die Harnröhre abgehobelt, und zwar über ein spezielles endoskopisches Sichtgerät und mittels einer winzigen Schlinge, die unter Strom steht. So wird die Prostata Stück für Stück kleiner. Durch den Strom werden eröffnete Blutgefäße dann auch gleich verschweißt. Nach erfolgreichem Abtragen kommt dann ein Katheter in die Harnröhre, der die ersten 24 Stunden nach der OP gespült wird. Danach bleibt er noch mal 24 Stunden in der Harnröhre, ohne dass gespült wird, bevor der Katheter herausgezogen wird. An dem Tag, an dem der Katheter gezogen wird, überprüfen wir dann, ob die Blase auch wirklich ohne Restharn entleert wird. Aber natürlich hat der Patient da jetzt eine Wunde. Zudem ist die Blase kurz nach der Operation überkräftigt, weil sie ja immer gegen großen Druck ankommen musste. Der Schließmuskel an der Harnröhre muss auch erst mal wieder lernen, dass er arbeiten muss. Kurz nach der Operation sagen Patienten deshalb auch öfter, dass der Harnstrahl wieder wunderbar sei, sie es aber oft gar nicht rechtzeitig zur Toilette schaffen, so schnell schießt da schon der Harn heraus. Das spielt sich aber rasch in den Tagen nach der Operation ein. Im Allgemeinen kann der Patient dann nach Hause. Abgeschlossen ist die Operation erst sechs Wochen später, nämlich dann, wenn die gesamte Wundfläche wieder verheilt ist.
rheinruhrmed: Gibt es Nebenwirkungen dieser Operationsmethode?
Oberarzt U. Forner: Durchaus. In 60% der Fälle kommt es zu einer so genannten retrograden Ejakulation, das heißt trotz sonst komplett unbeeinträchtigten Geschlechtsverkehr und Orgasmus-Gefühl kommt das Ejakulat nicht aus der Harnröhre heraus, sondern geht Richtung Harnblase und wird bei der nächsten Miktion mit ausuriniert. Hat also eigentlich keine Bedeutung, es sei denn, man möchte auf natürlichen Wege noch ein Kind zeugen, oder man ist Hauptdarsteller in Filmen, die sich in Deutschland niemand anschaut, aber millionenfach vertrieben werden. Aber das betrifft eher die Wenigsten unserer Patienten. Es kann natürlich auch zu einer Verletzung des Schließmuskels kommen, was aber eher ein Anfängerfehler ist, und heute bei den Möglichkeiten der Videoüberwachung durch einen erfahrenen Kollegen nicht mehr vorkommen sollte. Harninkontinenz kann nach der OP sogar in bis zu 10 Prozent der Fälle auftreten. Das klingt natürlich erschreckend, aber diese Zahl beinhaltet auch diese Fälle die ich eben erklärt habe: Der Blasenmuskel ist zu stark, der Schließmuskel zu schwach und die Wunde an der Prostata noch nicht verheilt. Aber das spielt sich relativ schnell alles ein.
rheinruhrmed: Ist die TUR-Prostata für alle Fälle zu empfehlen?
Oberarzt U. Forner: Nein, wenn z.B. die Prostata sehr groß ist, macht man nach wie vor eine Schnitt-Operation. Auch, wenn es noch einen großen Blasenstein gibt, ist das die Operation der Wahl. Man hat natürlich immer wieder versucht, noch schonender zu operieren, als dies bei der Elektroresektion über die Harnröhre bereits möglich ist. Ich sage nur mal das Stichwort „Laser“.
rheinruhrmed: Bei der Laser-Methode kriegen Patienten ja durchaus leuchtende Augen, weil sich Laser immer erst mal gleich sehr modern anhört – und böse Zungen behaupten, der Arzt kriegt im gleichen Moment die Euro-Zeichen in die Augen, weil der Laser recht teuer ist. Was ist dran an dieser Therapie?
Oberarzt U. Forner: Sagen wir es mal so: Seit über 20 Jahren gibt es immer wieder neue Lasersysteme. Und die Lasertherapie ist sicherlich auch in den letzten Jahren immer besser geworden. Aber lange Zeit gab es eigentlich nur Nachteile. Die Methode war zwar schonender, aber man entfernt das Gewebe mit dem Laser ja nicht aus dem Körper, sondern „verkocht“ es lediglich durch die Hitze des Lasers. Neuerdings gibt es u.a. den KTP-Laser – das ist der so genannte Green-Light-Laser. Das grüne Licht hat den Vorteil, dass es vom roten Blutfarbstoff komplett absorbiert wird. Dadurch wird es sehr, sehr heiß, so dass das Blut verdampft. Und wenn das Blut verdampft, dann verdampft das Gewebe rundherum auch. Im Endeffekt kann der Operateur so blutlos Gewebe verdampfen. Das ist sehr günstig bei Patienten, die eine Gerinnungsstörung haben oder Blutverdünner nehmen müssen.
rheinruhrmed: Hört sich doch eigentlich ideal an?
Oberarzt U. Forner: Der ganz große Nachteil all dieser Laserverfahren ist jedoch, dass wir Gewebe verdampfen, ohne wirklich genau zu wissen, welches Gewebe wir da gerade verdampfen. Das heißt, wir haben einen gewissen Prozentsatz von Patienten, bei denen die Diagnose „gutartige Prostatavergrößerung“ gestellt wurde und bei denen dann aber ein Karzinom, also eine bösartige Veränderung der Prostata festgestellt wird. Wenn da der Operateur jetzt Gewebe verdampft, wird dann der Krebs unter Umständen zu spät erkannt. Das ist der große Nachteil des Lasers
rheinruhrmed: Das heißt also, nur weil es ein Laser ist, ist die Therapie nicht grundsätzlich zu empfehlen oder gar vorzuziehen?
Oberarzt U. Forner: Genau. Sicherlich kann der Laser z.B. bei Patienten eingesetzt werden, die aus medikamentösen Gründen oder anderen Begleiterkrankungen eine Lasertherapie benötigen. Aber auf den Laser zu setzen, nur weil es der Laser ist, davon halte ich nichts. Da wir einen Greenlight Laser besitzen kommt zu uns eine Reihe von Patienten mit dem Wunsch nach einer Lasertherapie, bei denen eine Resektion die bessere Wahl ist. Da sind dann zwar oft Patienten richtig enttäuscht, dass der Laser für sie nicht in Frage kommt. Aber unterm Strich ist die herkömmliche Resektion (TUR-P) besser für sie.
rheinruhrmed: Gibt es denn eine Studie, aus der hervorgeht, welche Therapie besser ist?
Oberarzt U. Forner: Es gab einmal eine Studie zu dem Thema, die die konservative, also medikamentöse Behandlung mit der Laser-Therapie und der TUR-Prostata verglichen hat, mit einer Nachbeobachtung über ein Jahr. Bei der ausschließlich medikamentösen Therapie gab es deutliche Verbesserung von Symptomen und Harnstrahl in 15 % der Fälle, unter der ausschließlich Lasertherapie liegt diese Quote bei 67 % - und bei der bewährten TUR-Prostata bei 81 %. Also, obwohl die Lasertherapie viel höhere Kosten verursacht, ist die TUR-Prostata der wirksamere Weg.
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