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"Ein hoher PSA-Wert allein ist noch nicht krankhaft" *

Klaus Mann

Prof. Dr. med. Robert Wammack

Leiter der Klinik für Urologie & Neurourologie sowie des Prostata Zentrums Ruhr der Kath. Kliniken Essen-Nord-West. Facharzt für Urologie, spezielle Urol. Chirurgie & medikamentöse Tumor-Therapie.

rheinruhrmed: Prof. Dr. Wammack, was ist PSA und warum erhöht sich der Wert?

Prof. Dr. med. Wammack: Chemisch gesprochen handelt es sich beim PSA („Prostata-Spezifisches Antigen“) um ein Eiweiß, ein Enzym, das ausschließlich in der Prostata in den Drüsenzellen gebildet wird und im Blut nachweisbar ist. Allgemein lässt sich sagen: Je größer die Prostata (auch „Vorsteherdrüse“ genannt), desto höher der PSA-Wert. Da nun mal nur Männer eine Prostata haben, gibt es bei Frauen keinen PSA-Wert. Ein erhöhter PSA-Wert bei Männern kann allerdings viele Ursachen haben, es muss nicht gleich ein Hinweis auf Krebs sein. PSA kann zum Beispiel durch eine gutartige Vergrößerung der Prostata (Benigne Prostatahyperplasie; BPH), durch eine Entzündung des Harnwegs oder durch so alltägliche Dinge wie Fahrradfahren oder Geschlechtsverkehr gebildet werden. Das heißt also, dass ein erhöhter PSA-Wert allein noch nicht krankhaft ist. Er ist vielmehr ein Mosaikbaustein bei der Untersuchung. Ein operativer Eingriff, etwa durch die Schälung einer vergrößerten Prostata, allein aufgrund eines hohen PSA-Werts macht also keinen Sinn.

rheinruhrmed: Ab wann ist ein PSA-Wert „zu hoch“?

Prof. Dr. med. Wammack: Die Frage ist schwer zu beantworten. Der Schwellenwert für PSA, ab der zu einer genaueren Untersuchung der Prostata geraten wird, ist willkürlich festgelegt worden. In der westlichen Welt hat man sich

mann

Thema Prostata

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darauf verständigt, dass er bei 4 ng/ml liegt. Betrachtet man rein statistisch 1000 Männer in einem Alter von 65 Jahren, dann haben davon 200 Männer einen Wert, der höher als 4 ng/ml liegt. Von diesen 200 Männern haben 40 Prostata-Krebs.

rheinruhrmed: Warum ist trotz PSA-Wert-Ermittlung bei der Vorsorge ein rektales Abstasten der Prostata nötig?

Prof. Dr. med. Wammack: 10 bis 15 Prozent aller Prostatakrebse bilden kein erhöhtes PSA und können somit nur durch Tastuntersuchung erkannt werden. Ein niedriger PSA-Wert ist also nicht immer gleich ein Freibrief. Prostatakrebs entwickelt sich in den meisten Fällen im Bereich der äußeren Drüse. Wenn Sie zur Veranschaulichung mal den Querschnitt einer Zitrone nehmen, dann entwickelt sich der Prostatakrebs im äußeren Bereich dieses Querschnitts, also an der Schale. Mit der Tastuntersuchung können wir genau diesen Bereich der Prostata begutachten. Es liegt dann an der Tasterfahrung des Arztes zu beurteilen, ob eine Veränderung der Prostata vorliegt.


rheinruhrmed: Warum reicht es nicht, einfach eine Aufnahme mit dem Computer-Tomographen (CT) von der Prostata zu machen, um nach Krebszellen zu suchen?

Prof. Dr. med. Wammack: Die Bildgebung bei der Prostata, etwa im Rahmen einer CT-Untersuchung, ist nahezu wertlos, da bösartige Veränderungen zum Teil mikroskopisch klein sein und somit vom CT nicht erfasst werden können. Darüber hinaus sehen selbst harmlose Veränderungen an der Prostata in einer CT-Aufnahme oftmals wie Prostata-Krebs aus.

rheinruhrmed: Die rektalen Untersuchungsmethoden, etwa durch das Einführen eines Ultraschallkopfs, werden jedoch in nicht wenigen Fällen von den Patienten als unangenehm wahrgenommen.

Prof. Dr. med. Wammack: Ja, natürlich wäre es schön, wenn nur der PSA-Test aussagekräftig genug wäre. Und in der Tat gibt es mehrere Ansätze, die genau diesen Gedanken verfolgen. Einer ist, dass man sich nicht nur auf einen PSA-Wert konzentriert, sondern Prostata-Werte über einen zeitlichen Verlauf betrachtet. Dabei kann es durchaus zu Schwankungen um einen gewissen Mittelwert herum kommen, die bei bis zu 25 Prozent liegen können. Das ist angesichts der Tatsache, dass – wie ja schon gesagt – z.B. Fahrradfahren kurzfristig für einen erhöhten PSA-Wert sorgen kann, nicht ungewöhnlich. Steigt der Mittelwert allerdings während der zeitlichen Betrachtung an, ist dies ein Alarmzeichen.

rheinruhrmed: Wenn ein Krebsverdacht besteht, wie lässt sich dann sicher diagnostizieren?

Prof. Dr. med. Wammack: Zweifelsfrei nachweisbar ist Prostatakrebs nur feingeweblich. Das heißt, es müssen – unter einer örtlichen Betäubung – Gewebeproben aus der Prostata gewonnen werden. Dazu schießt eine winzig-kleine Stanze in der Regel zehn bis zwölf Proben aus der Prostata. Die Proben sind um ein Vielfaches kleiner und dünner als ein Streichholz. Diese Proben gehen an den Pathologen, der dann die Diagnose stellt. Anhand des Anteils an verändertem Zellmaterial kann er z.B. Aussagen darüber treffen, wie groß und bösartig der Krebs ist.

rheinruhrmed: Ist es möglich, dass die Biopsie selbst Auslöser für eine Veränderung der Prostata sein kann, die Zellen also erst dadurch bösartig werden?


Prof. Dr. med. Wammack: Nein, es gibt auf der Welt keinen solchen Fall in der Fachliteratur. Bei einer Biopsie an der Prostata werden bösartige Zellen nicht verschleppt. Es kann allerdings zu temporären Veränderungen an der Prostata, etwa beim Wasser-lassen, kommen. Aber die gehen in der Regel auch wieder zurück.

rheinruhrmed: Wie lassen sich Fälle erklären, in denen der PSA-Wert hoch ist, obwohl bei der Prostata-Biopsie nichts gefunden wurde?

Prof. Dr. med. Wammack: Solche Fälle gibt es durchaus. Das kann daran liegen, dass entweder die Prostata zu groß war, so dass die Biopsie-Proben nur aus dem gesunden Gewebe entnommen wurden oder – der umgekehrte Fall – dass die Krebsherde zu klein sind, sie also mit der Stanze nicht getroffen wurden. In Fällen wie diesen kommt es zu einer zweiten Biopsie, oder zu einer so genannten Sättigungsbiopsie, bei der deutlich mehr Proben entnommen werden. Dies geschieht dann auch unter einer Kurznarkose von etwa 10 Minuten. Anschließend muss der Patient im Krankenhaus 24 Stunden überwacht werden. Diese Untersuchung gibt dann in der Regel Gewissheit.

rheinruhrmed: Wenn dann eine Behandlung nötig wird, scheuen viele vor einem operativen Eingriff und setzen lieber auf die Strahlentherapie, weil sie glauben, damit die sanftere Alternative gewählt zu wählen. Ist dem wirklich so?

Prof. Dr. med. Wammack: Zunächst einmal: Der aggressive Krebs, vorausgesetzt er hat noch nicht im Körper gestreut, ist nur durch eine Entfernung der Prostata oder durch eine Strahlentherapie zu heilen. Es gibt übrigens auch noch die Hormonbehandlung oder moderne Chemotherapie-Medikamente, die die Lebensqualität verbessern. Aber bleiben wir mal beim operativen Eingriff: In Einzelfällen können nach einem solchen Eingriff Probleme mit der Potenz oder dem Harn-Halten auftreten. Dabei ist der Unterschied zur Strahlentherapie nur der, dass diese Beschwerden eben sofort unmittelbar nach der Operation auftreten. Bei der Strahlentherapie kann es auch zu diesen Beschwerden kommen, nur zeitlich versetzter. Es lässt sich beobachten, dass nach etwa fünf Jahren die Beschwerden in beiden Fällen in etwa gleich häufig bzw. selten auftreten.

rheinruhrmed: Hat die Ernährung Einfluss auf das Risiko, an Prostata-Krebs zu erkranken?


Prof. Dr. med. Wammack: Bei Prostatakrebs geht man davon aus, dass es gewisse genetische Einflussfaktoren gibt. So ist etwa im Vergleich zur westlichen Welt die Rate von Prostatakrebs-Fällen in asiatischen Ländern geringer. Man weiß auch von Menschen, die ausgewandert sind und sich im asiatischen Raum niedergelassen haben, dass sie statistisch gesehen weniger an Prostata-Krebs erkranken. Es mag sein, dass die mediterrane Ernährung, also eher weißes Fleisch und eher Gemüse, ein Vorteil birgt.

rheinruhrmed: Im Rahmen der Vorsorge übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für ein PSA-Screening nicht. Und auch der SPIEGEL schrieb jüngst in seiner Ausgabe (17/2009: „Risiko Vorsorge“) , dass Ärzte falsche Hoffnung schüren würden, weil Vorsorge – auch im Bereich der Prostata – weit weniger Patienten nutzen würde als bislang angenommen. Erstaunt Sie das?

Prof. Dr. med. Wammack: Viele Jahre lang gab es keine gesicherten Daten darüber, ob die Ermittlung des PSA-Wertes sich auf die Zahl der Prostatakrebstoten auswirkt. Der PSA-Wert war also eher eine Art Gefühlssache. Nun aber, im April 2009, wurde eine große europäische Studie veröffentlicht, nach der die Wahrscheinlichkeit, dass Männer im Alter zwischen 55 und 69 Jahren an einem Prostatakarzinom versterben, durch ein PSA-Screening signifikant um 20 Prozent gesenkt wird.

Hier geht's zum evidenzbasierten Patientenratgeber zur S3-Leitlinie Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms

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  prof. dr. dr. walz   dr. krueger
Sport & Krebs: "Sport ist wie Medizin" - Prof. Dr. med. Miller über die Wirkung von alltäglicher Bewegung im Körper und die Frage, warum sich gerade Krebspatienten nicht schonen sollten
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