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"Der Patient muss sich über die Tragweite seiner Entscheidung klar werden" *

Klaus Mann

Dr. Matthias Schlensak

Chefarzt der Klinik für Chirurgie ll, Alfried Krupp Krankenhaus Essen; Initiator des Adipositas Symposiums in Essen

rheinruhrmed: Dr. Schlensak, wir kennen Sie alle: die Brigitte-Diät, die Atkins-Diät usw. Was sagen Sie als Adipositas-Chirurg zu solchen Diäten?

Dr. med. Schlensak: Ich selber habe mit einzelnen Diätformen wie Brigitte-Diät und Atkins-Diät keine Erfahrung. In unserem Netzwerk haben wir mit Praxen, die ihren Schwerpunkt im Bereich Ernährungsmedizin haben und über den Bundesverband zertifiziert sind, multi-modale Therapiekonzepte aufgebaut. Dies bedeutet eine konservative Therapie mit den Säulen „Ernährungsberatung“, „Verhaltensmodifikation“ und „Bewegungstherapie“. Medikamentöse Therapieoptionen kommen bei den Patienten, die wir hier sehen, in der Regel nicht in Frage. Die Bewegungstherapie muss natürlich aufgrund der individuellen Begleiterkrankungen, das heißt Schmerzen im Bereich der großen Gelenke, der Wirbelsäule, eine überhängende Fettschürze, individuell abgestimmt werden.

rheinruhrmed: Während in den USA 2007 über 200.000 Adipositas-Eingriffe vorgenommen wurden, waren es in Deutschland zuletzt gerade mal 3000. Wie kommt das? - Schließlich gelten doch auch die Deutschen auch immer mehr als übergewichtig bis adipös.

Dr. med. Schlensak: Adipositas-chirurgische Maßnahmen sind im Leistungskatalog der Krankenkasse nicht mit aufgeführt, so dass jede einzelne Operation als Einzelfall-Entscheidung durch die medizinischen Dienste der Kasse beurteilt wird. Das Nadelöhr sind hier sicher nicht chirurgische Kollegen, sondern gesundheitspolitische Strategien.

rheinruhrmed: Was sagen Sie einem Patienten, der zu Ihnen kommt mit den Worten „Meine Frau will, dass ich mir ein Magenband machen lassen soll“?

Dr. med. Schlensak: In der Regel liegt zwischen der Erstvorstellung in hiesiger Klinik und dem Operationstermin ein Zeitfenster von einem halben Jahr. Hier werden Schulungen und Gespräche durchgeführt. In diesem Zeitfenster muss sich

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der Patient über die Tragweite seiner Entscheidung klar werden und entsprechende Kontakte zur Selbsthilfegruppe, das heißt zu ebenfalls auch operierten Patienten, aufbauen.

rheinruhrmed: Welche Kriterien muss ein Patient erfüllen, damit er überhaupt für eine Operation in Frage kommt?

Dr. med. Schlensak: Die Operation steht am Ende der gesamten Adipositas-Behandlung. Die Operation findet dann statt, wenn konservative Therapieoptionen versagt haben, das heißt die Behandlung unter gewissen Qualitätskriterien zu keiner nachhaltigen Gewichtsreduktion geführt hat.

rheinruhrmed: Adipositas ist eine Krankheit, die sich auf viele andere Krankheiten auswirkt. Welche sind das und wie hängen sie mit der Fettsucht zusammen?

Dr. med. Schlensak: Das Übergewicht ist für eine Reihe von Krankheiten, insbesondere dem TypII Diabetes, verantwortlich. Ebenso führt das Übergewicht zu Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck. Zusammengefasst werden diese Erkrankungen unter dem so genannten "metabolischen Syndrom“ oder dem „tödlichen Quartett“. Neuere Erkenntnisse zeigen, dass auch eine nicht alkoholbedingte Fettleber-Zirrhose sowie das Polyzystische Ovarial-Syndrom in diesen Formenkreis gehören.

rheinruhrmed: Sie sagten in Ihrem Vortrag im Rahmen des Adipositas-Symposiums in Essen 2009, dass der „duodenal switch“ den nachhaltigsten und besten Gewichtsverlust mit sich bringt. Worum handelt es sich dabei und warum ist das so?

Dr. med. Schlensak: Bei der sogenannten duodenalen Switch-Operation handelt es sich um ein malabsorptives Verfahren, das heißt durch die deutliche Verkürzung des Dünndarms auf eine Resorptionsstrecke von einem Meter können Spurenelemente, Vitamine und natürlich auch Fette nicht mehr aufgenommen werden. Dies führt zu einer Kalorienbegrenzung von etwa max. 1200 Kcal, die der Körper pro Tag aufnehmen kann. Durch die geringe Kalorienaufnahme ist natürlich der Gewichtsverlust unabdinglich. Da aber auch ebenso wenig Proteine, Vitamine und Spurenelemente aufgenommen werden, ist eine künstliche Zufuhr dieser Elemente notwendig.

rheinruhrmed: Man sagt, dass Adipositas unfair zu Frauen sei. Woran liegt das?

Dr. med. Schlensak: Adipositas ist unfair zu Frauen, da sie das Körperbild nachhaltig verändert und insbesondere im Bereich der Oberschenkel und des Gesäßes unschöne Konturveränderungen verursacht. Gesundheitsschädigend ist jedoch das Fettgewebe, was sich insbesondere im Bauchraum befindet. Dieses so genannte viszerale Fett ist für die unterschiedlichsten Stoffwechselstörungen verantwortlich.

rheinruhrmed: Adipositas-Chirurgie ist keine Regelleistung der Krankenkasse. Wie Sie bereits sagten, eine Unterstützung muss von Fall zu Fall entschieden werden. Die mit größte Hürde vieler Patienten hat hierbei drei Buchstaben: MDK. Inwiefern können Sie als Chirurg Patienten helfen, ihr Anliegen beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) vorzutragen?

Dr. med. Schlensak: Der medizinische Dienst der Kasse beurteilt die Lebensgeschichte im Hinblick auf ein Therapieversagen der konservativen Maßnahmen. Wir selbst haben einen Fragenkatalog entwickelt, der auch Grundlage der MDK-Entscheidung ist, um bei der Beurteilung ein einheitliches Raster zu haben. Mit einer entsprechenden Begutachtung in hiesiger Klinik sind dem MDK dann Basisinformationen auf den Gewichtsverlauf der letzten zehn Jahre, Therapien in den Bereichen Bewegung, Ernährung und Verhaltensmodifikation sowie Begleiterkrankungen gegeben. Wichtig ist, dass ein Arzt, sei es das hiesige Zentrum oder der Hausarzt, als Case-Manager fungiert und die entsprechenden Unterlagen mit dem Patienten zusammenstellt.


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