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"Mit dem Frauenknie hat die Passgenauigkeit zugenommen" *

Hoffmann

Dr. med. Hans-Peter Jüsten

Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfall-
chirurgie, KKO Katholische Kliniken Oberhausen,
St. Marien-Hospital Osterfeld

rheinruhrmed: Dr. Jüsten, mehr als zwei Drittel aller Knieprothesen werden bei Frauen eingesetzt. Seit einiger Zeit implantieren Sie nun das sogenannte „Frauenknie“, auch Genderknie genannt. Warum ist ein Knie speziell für Frauen nötig?

Dr. med. Jüsten: Die Beine einer Frau sind im Vergleich zu denen eines Mannes tendenziell eher x-förmig, weil Frauen nun mal eher ein breiteres Becken haben, um nämlich Kinder bekommen zu können. Durch diese Stellung haben die Beine einen anderen Winkel, was wiederum zur Folge hat, dass die Furche, in der die Kniescheibe läuft, beim Frauenknie etwas größer sein muss. Zudem ist das Frauenknie insgesamt etwas flacher, trapezförmig und weniger breit gebaut. All das wurde jedoch bei den bisherigen Prothesen nie wirklich berücksichtigt. Lange gab es nur fünf Einheitsgrößen bei Knieprothesen. Diese Größen wurden seinerzeit ermittelt, indem man bei Rekruten der amerikanischen Streitkräfte Maß genommen hatte. Und zum damaligen Zeitpunkt waren das eben nur Männer.

rheinruhrmed: In der Praxis hieß das also bislang, dass Frauen unter Umständen ein Knie eingesetzt bekommen haben, das gar nicht richtig gepasst hat?

Dr. med. Jüsten: Das lässt sich so pauschal natürlich nicht sagen. Aber die Oberschenkel-Komponente der Knieprothese stand manchmal etwas über, das ist richtig. Und wir haben beobachten müssen, dass etwa 15 bis 20 Prozent aller Patienten nach dem Eingriff unter vorderen Knieschmerzen litten.

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Erstaunlicherweise waren das überwiegend Frauen. Grund könnte also sein, dass die Prothese bislang nicht richtig gepasst hat. Jetzt, mit dem Frauenknie, hat die Passgenauigkeit jedoch deutlich zugenommen. Man geht davon aus, dass damit auch weniger Patienten unter den besagten vorderen Knieschmerzen leiden. Ob damit auch eine Verbesserung der Haltbarkeit der Prothese einhergeht, lässt sich natürlich zum jetzigen Zeitpunkt noch schwer abschätzen. Dazu gibt es ja noch keine Langzeiterhebung.

rheinruhrmed: Warum gibt es denn so ein Frauenknie erst jetzt?

Dr. med. Jüsten: Ganz schlicht, weil sich bisher einfach noch niemand richtig die Zeit für dieses Problem genommen hat. In Amerika ist das aber zur Zeit ein Renner – alles, was mit Frau bzw. Gender zu tun hat. Und davon profitieren auch wir.

rheinruhrmed: Nun wird das Knie also nach Geschlechtern getrennt eingesetzt?

Dr. med. Jüsten: Nein, die Auswahl an Prothesen hat sich einfach nur erhöht, von fünf auf zehn. Wir können jetzt noch individueller entscheiden, welche Prothese zu welchem Knie passt. Natürlich wird es auch weiterhin Frauen geben, die aufgrund ihrer Anatomie eher ein größeres Knie brauchen als andere Frauen. Und es wird auch Männer geben, die ein Genderknie bekommen. Denken Sie nur mal an eine große Basketballerin mit kräftigen Beinen und an einen eher schmächtigen Pferdejockey. Hier bei uns in den Katholischen Kliniken Oberhausen haben wir bereits 30 Frauenknie eingesetzt; insgesamt implantieren wir 300 Knieprothesen pro Jahr. Übrigens, von den 20 besten Kliniken im Rheinland, die diesen Eingriff vornehmen, haben wir die wenigsten Komplikationen.

rheinruhrmed: Ändert sich durch das Frauenknie etwas an der Operation selbst?

Dr. med. Jüsten: Nein, der Eingriff dauert gleich lange, in der Regel 60 bis 80 Minuten. Acht bis zwölf Tage nach der Operation werden die Patienten dann aus dem Krankenhaus entlassen. Auch daran hat sich nichts geändert. Wir arbeiten während der Operation allerdings grundsätzlich über einen minimalinvasiven Zugang, so dass wir nicht die Muskulatur am Bein durchtrennen müssen. Der Heilungsprozess ist also allgemein wesentlich kürzer, und die Patienten können ihr Knie schneller wieder beugen. Wir gehen dabei von der Außenseite an das Knie, weil das deutliche Vorteile hat. Der Außenmuskel am Oberschenkel ist der größte Muskel, den wir haben; der Gegenspieler dieses Muskels auf der Innenseite ist vergleichsweise klein. Dieser Kleinere hat jedoch die Aufgabe, die Kniescheibe zu zentrieren. Wenn ich außen am Knie schneide, bleibt dieser innere Muskel unberührt. Er hat also gleich wieder seine Kraft, um die Kniescheibe zu zentrieren. Außerdem haben wir, wenn wir außen schneiden, weniger Nerven- und Gefäßverletzungen, weil Nerven und Gefäße eher auf der Innenseite des Knies verlaufen.

rheinruhrmed: Da es ja aktuell nur einen Hersteller für das Frauenknie, nämlich die Firma Zimmer, auf dem deutschen Markt gibt, lässt sich mangels Wettbewerb doch sicherlich davon ausgehen, dass das Frauenknie im Vergleich zum bisherigen Knie teurer ist, oder?

Dr. med. Jüsten: Ja, aber das übernehmen die Krankenkassen bzw. als Krankenhaus erhalten wir ja von den Krankenkassen ohnehin nur eine fixe Summe pro Knieprothese. Und wenn wir das Frauenknie einsetzen, wird eben der Kostenanteil für die Prothese an dieser Fix-Summe größer, was wiederum den Gewinn für das Krankenhaus schmälert. Aber das nehmen wir in Kauf, weil es uns auf die Qualität ankommt. Unsere Orthopädie besteht hier in Oberhausen seit 30 Jahren. Das verpflichtet und bringt eine gewisse Verantwortung mit sich.

rheinruhrmed: Gibt es diese Gender-Unterschiede eigentlich auch bei anderen Gelenken? Sie implantieren ja nicht nur Knie-, sondern z.B. auch Hüftprothesen.

Dr. med. Jüsten: Bei Hüftprothesen gab es früher nur einen Winkel. Das heißt, egal, ob der Patient z.B. einen langen oder kurzen Schenkelhals hatte, er bekam den von der Industrie vorgefertigten Winkel eingesetzt. Da kann man sich vorstellen, dass die Muskeln nach der Operation je nach Fall auf einmal ganz anders gezogen haben. Aber das hat sich inzwischen auch geändert. Sie können heute die Prothese in Winkel und Länge flexibel anpassen, Sie haben also eine Modularität, durch die Sie die Proportionen des Patienten berücksichtigen können, und zwar für jeden individuell, egal ob Mann oder Frau. Diese modularen Prothesen setzen wir hier bei uns seit etwa zwei Jahren ein.

rheinruhrmed: Das gibt es also auch noch nicht so lange in der Endoprothetik. Wie kommt’s?

Dr. med. Jüsten: Beim Hüftgelenk stand viele Jahre lang eher die Frage im Vordergrund: Wie hält die Prothese, also wie wird sie verankert? Das Problem haben wir jetzt gelöst. Die zementierte Prothese hält fast 30 Jahre, das lässt sich auch nur schlecht verbessern; für jüngere Patienten gibt es auch schon zementfreie Lösungen, die rund 20 Jahre halten. Erst nach diesen Errungenschaften hatte man sich der Beobachtung gewidmet, dass einige Patienten nach der OP trotz Prothese immer noch hinkten. Und so kamen die Proportionen ins Blickfeld, denn der eine Patient hat nun mal einen langen Schenkelhals, der andere einen steilen Schenkelhals usw. Darauf können wir uns jetzt einstellen.


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* Die hier wie überall auf rheinruhrmed.de angebotenen Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz ärztlichen Rates angesehen werden. Diese Internetseite kann und darf NICHT benutzt werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen. Bei Beschwerden oder Fragen jeglicher medizinischer Art konsultieren Sie bitte direkt Ihren Arzt oder Apotheker.

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