Dr. med. Josef Reichert
Oberarzt an der Klinik für
Herz- und Thoraxchirurgie
am Berufsgenossenschaftl. Universitätsklinikum Bergmannsheil
rheinruhrmed: Dr. Reichert, wozu brauchen Mediziner Venen?
Dr. med. Reichert: Venen benötigen wir z.B. bei Bypass-Operationen, wenn also Patienten Verengungen an den Herzkranzgefäßen haben und diese Verengungen mittels einer Vene überbrückt werden müssen. Die Vene, die dafür in Frage kommt, verläuft am Bein: Sie beginnt auf dem Fußrücken im Venenbogen und verläuft dann über den Unter- und Oberschenkel nach oben. Diese Vene kann freigelegt und entnommen werden.
rheinruhrmed: Wo ist das Problem?
Dr. med. Reichert: Na ja, wenn alles gut verheilt, dann sieht die Narbe am 3. Tag nach der Operation zwar ganz gut aus, aber sie beginnt eben unten am Knöchel und reicht bis zum Oberschenkel. Das macht dann im günstigsten Fall keine Komplikationen, sieht aber auch nicht besonders schön aus. Es gibt aber auch
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Patienten, die z.B. durch Übergewicht ganz andere anatomische Voraussetzungen mitbringen, bei denen also das Bein insgesamt wesentlich mehr Fettgewebe enthält und wo die Narbenheilung wesentlich schlechter verlaufen kann. Leider kommt so etwas sehr häufig vor, weil wir immer mehr solche Patienten behandeln.
rheinruhrmed: Abgesehen mal vom Übergewicht: Welche Faktoren wirken sich noch eher ungünstig bei der bisherigen Art der Venenentnahme aus?
Dr. med. Reichert: Bei der offenen Venenentnahme stoßen wir an Grenzen. Das hat zum einen eben mit dem Wundheilungsprozess zu tun, der sich verkomplizieren kann; solche Komplikationen beobachten wir vor allem bei Patienten, die älter sind oder an Diabetes leiden. Außerdem treten Wundheilungsstörungen häufiger bei Frauen auf. Gerade für sie ist natürlich so ein Schnitt auch oft ein kosmetischer Makel. Und nicht zuletzt sind die Patienten mit einer langen Narbe am Bein nach der Operation schlechter zu mobilisieren. Deshalb haben wir uns überlegt, einen neuen Weg zu gehen.
rheinruhrmed: Sie meinen die endoskopische Venenentnahme?
Dr. med. Reichert: Genau, das Verfahren wenden wir am Bergmannsheil seit Januar 2009 routinemäßig an und haben aktuell die 100. Operation dieser Art vorgenommen [Juli 2009; Anm. d. Red.]. Bei dem neuen Verfahren brauchen wir nur noch zwei kleine Schnitte am Bein von jeweils ca. zwei Zentimetern Länge, da die eigentliche Präparation der Venen nun im Inneren des Beines erfolgt.
rheinruhrmed: Beschreiben Sie bitte das Gerät, mit dem die Vene präpariert und entnommen wird.
Dr. med. Reichert: Das Gerät besteht im Wesentlichen aus einem langen, stabähnlichen Endoskop, an dessen Ende eine Kamera angeschlossen wird. Das heißt, der Operateur hat nur Sicht über einen Monitor auf das Operationsfeld im Inneren des Beines. Zudem gibt es eine ganze Reihe von Instrumenten an diesem Endoskop, mit deren Hilfe man im Bein des Patienten die Vene greifen, drehen und eben präparieren kann. Um eine Vene entnehmen zu können, muss sie schließlich vorher von ihren „Seitenästen“ abgetrennt werden, die von der Vene abzweigen und andere Regionen des Beines mit Blut versorgen.
rheinruhrmed: Was sind die Vorteile dieses neuen Ansatzes?
Dr. med. Reichert: Zunächst einmal können wir aufgrund der minimalen Schnitte die Wundheilungsstörungen wirksam reduzieren. Das ist sicherlich einer der wichtigsten Effekte. Zudem sind die Patienten nach der Operation wieder schneller auf den Beinen und die Narben kosmetisch unauffälliger. Man kann solch eine endoskopische Entnahme sowohl am Unter- als auch am Oberschenkel durchführen und erhält so insgesamt ca. 50 bis 70 cm Vene; je nachdem, wie viel der Operateur, der dann den Bypass setzt, benötigt.
rheinruhrmed: Muss der Patient die neue Methode selber bezahlen?
Dr. med. Reichert: Nein, aber man muss klar sagen, dass das Verfahren von den Krankenkassen derzeit noch nicht finanziert wird. Das sind also Mehrkosten für das Krankenhaus, die pro Patient bei rund 450 Euro liegen und die das Bergmannsheil zuschießt.
rheinruhrmed: Woher kommt diese Operationsmethode?
Dr. med. Reichert: Aus den USA. Dort wird sie auch bereits von der Mehrheit der Krankenhäuser dort routinemäßig angewandt. In Deutschland sind es schätzungsweise nicht einmal 20 Prozent. Die offene Venenentnahme ist nun mal seit 30 Jahren etabliert und gilt in vielen Häusern als Standard.
rheinruhrmed: Gibt es Patienten, für die dieser Eingriff nicht geeignet ist? Ich denke da an Krampfader-Patienten.
Dr. med. Reichert: Grundsätzlich kann sich am Anfang eines jeden Eingriffs herausstellen, dass die vorgesehene Vene nicht nutzbar ist, so dass man immer schauen muss, im Zweifel auf eine Reserve-Vene ausweichen zu können. Ausgeprägte Varikosen [Krampfadern; Anm. d. Red.] an beiden Beinen sind immer ein Kriterium, bei dem man sich überlegen muss, ob der endoskopische Eingriff Sinn macht. Die varikös-veränderten Venen sind von ihrer Struktur her nämlich sehr empfindlich, da die Venen ausgesackt sind und die Wandstärke insgesamt dünner ist. Das erhöht das Verletzungsrisiko an der Vene, so dass die Vene beim endoskopischen Eingriff schnell unbrauchbar werden kann.
rheinruhrmed: Und was ist mit Patienten, die übergewichtig sind?
Dr. med. Reichert: Das ist gar nicht so das Problem, im Gegenteil: Wenn die Beine ganz schlank sind und die Vene oberflächlich direkt unter der Haut verläuft, dann geht der endoskopische Eingriff nicht. Die Vene lässt sich nur sehr schlecht von der Haut trennen. Bei übergewichtigen Patienten ist die Präparation dagegen viel einfacher, weil die Vene sich leichter vom Fettgewebe lösen lässt.
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