Priv.-Doz. Dr. med. Horst Gerhard
Chefarzt der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie am Philippusstift Essen
rheinruhrmed: Dr. Gerhard, die Universitätsklinik Essen brachte kürzlich eine Meldung heraus, nach der Alzheimer vielleicht bald heilbar sein könnte. Was halten Sie von solchen Meldungen?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard:Ich weiß natürlich jetzt nicht, um welche Meldung es sich da konkret handelt. Aber was man ohne Zweifel sagen kann, ist, dass wir die Demenz und auch die Alzheimer-Demenz zum aktuellen Stand der Forschung noch nicht aufhalten und auch – so ehrlich muss man sein – nicht wirklich entscheidend beeinflussen können. Ziel der Diagnose kann es also momentan nur sein, alles das herauszufiltern, was therapierbar ist. Die im Rahmen einer Demenz auftretenden degenerativen Erkrankungen, die in etwa 50 bis 60 Prozent der Fälle auftreten, lassen sich nur im Anfangsstadium mit Medikamenten wirksam behandeln.
rheinruhrmed: Gleichwohl liest man gerade im Internet immer wieder von angeblichen Erfolgsmeldungen.
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard:Das stimmt. Im Mai 2010 etwa gab es eine Veröffentlichung, die auch durchaus seriös ist. Da ging es darum, dass man bei einer Maus die so genannten Stützzellen im Gehirn durch virale Beeinflussung in Neuronen umwandeln kann, und zwar in Neuronen, die z.B. beim Alzheimer fehlen. Das ist durchaus eine Aufsehen erregende Entdeckung, wenngleich auch erst mal nur im experimentellen Ansatz – also weit weg vom Menschen. Es dauert sicher noch 15 bis 20 Jahre, bis wir so weit sind, diese Erkenntnisse beim Menschen anwenden zu können. Ähnlich verhält es sich mit der Stammzellentherapie, die ja einen Dämpfer erfahren musste, weil sie in den USA dazu geführt hat, dass sie für Tumoren im Gehirn verantwortlich war.
rheinruhrmed: Das hört sich ja alles noch nicht wirklich vielversprechend an. Wie behandeln Sie denn dann Demenzpatienten?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard:Zunächst einmal kommt es wesentlich darauf an, die Diagnose richtig stellen. Die Symptome der Demenz wie etwa Gedächtnisstörung oder Konzentrationsmangel können schließlich unterschiedlichste Ursachen haben. Es muss also nicht gleich Demenz sein. Jeder Patient sollte also sorgfältig neurologisch, neuro-psychologisch und neuro-radiologisch untersucht werden. Eine Kernspintomographie ist dabei genauso wichtig wie eine Laboruntersuchung des Nervenwassers, damit man wirklich alles findet, was behandelbar ist - und das möglichst früh, damit man rechtzeitig eingreifen kann, um das Leben der Patienten durch eine entsprechende Therapie noch so angenehm wie möglich zu machen. Wir erleben es übrigens immer wieder, dass Menschen eingewiesen werden mit der Diagnose Demenz – und dabei haben die Symptome eine ganz andere Ursache.
rheinruhrmed: Eine Ursache kann doch z.B. der so genannte „Altershydrozephalus“ sein, der Volksmund spricht hier vom „Wasserkopf“. 60.000 Patienten in Deutschland, die für dement erklärt wurden, sollen in Wirklichkeit „nur“ unter einem „Wasserkopf“ leiden.
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Bei der Zahl bin ich mir nicht sicher, aber der Normaldruckhydrozephalus, wie er eigentlich heißt, kann tatsächlich eine Ursache sein, das stimmt. Deswegen sollte man auch immer eine Kernspin-Aufnahme machen. Diesen Normaldruckhydrozephalus kann man gut behandeln, wenn man eine Ableitung für das Wasser schafft. Die Aufnahme des Kopfes ist aber auch deshalb wichtig, um z.B. einen Tumor auszuschließen. Bei älteren Leuten kann auch eine Alters-Depression eine Demenz vortäuschen, wir sprechen da von der so genannten Pseudo-Demenz.
rheinruhrmed: Gibt es noch weitere Ursache für demenzielle Symptome, die letztlich nichts mit Demenz zu tun haben?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Ja, auch Erkrankungen, die mit dem Stoffwechsel zu tun haben, können zu Symptomen führen, wie sie für die Demenz typisch sind. Ein Mangel an Vitamin B 12 ist zum Beispiel so eine Erkrankung. Auch eine Funktionsstörung der Schilddrüse kann Ursache für eine Hirnleistungsstörung sein. Das Schlimmste ist also, wenn ein Patient übereilt den Stempel „Demenz“ aufgedrückt bekommt, nur weil man schnell zu einer Diagnose kommen will. Denn so eine Diagnose hat ja durchaus auch rechtliche Konsequenzen. Das Stigma „Demenz“ wird der Patient ganz schwierig wieder los, weil auch der nächste Arzt sagen wird: „Klar, das ist Demenz.“ Deswegen sage ich meinen Mitarbeitern immer wieder, dass die Diagnose nicht zu leichtfertig gestellt werden darf. Sie muss sicher sein.
rheinruhrmed: Das heißt, dass man bei einem Arzt, der sozusagen mal eben Demenz feststellt, relativ skeptisch sein sollte und lieber noch mal eine zweite Meinung einholen sollte?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Ja, denn Demenz ist nach wie vor eine klinische Diagnose. Es gibt bislang keine Biomarker oder dergleichen, mit denen sich relativ leicht feststellen lässt, ob man an einer Demenz leidet. Zur klinischen Diagnose gehört z.B. unbedingt die Neuro-Psychologie. Hier im Haus holen wir auch einen Psychiater hinzu, um den vorliegenden Fall interdisziplinär zu klären. In der Frühphase einer Demenz kann es nämlich durchaus sein, dass es zu psychotischen Störungen kommt, also zu Wahnvorstellungen oder Halluzinationen. Bei älteren Leuten ist zum Beispiel der Verarmungswahn relativ häufig. Das quält die Betroffenen natürlich sehr.
rheinruhrmed: Das ist also ein Merkmal für eine Demenz?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Ja, das kann eines sein. Aber natürlich muss man klar sagen, dass eher die Gedächtnis- und Orientierungsstörungen bei der Demenz typisch sind. Wenn also die Betroffenen immer wieder nachfragen müssen und es zu einer Verlangsamung des Denkens kommt, dann kann das ein Hinweis sein. Wie gesagt, das ist alles sehr vieldeutig.
rheinruhrmed: Inwiefern hilft ein EEG bei der Diagnose?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Ein einfaches EEG reicht leider nicht aus. Wir schauen da eher auf so genannte Bereitschaftspotentiale, um bestimmte Hirnleistungen zu überprüfen. Dazu stimulieren wir den Patienten mit einer Serie von akustischen Impulsen – und zwischendrin setzen wir dann einen Extra-Reiz. Diesen Reiz muss der Patient erkennen und dies durch Tastendruck signalisieren. Bei Demenz-Patienten ist zu beobachten, dass sie schon am Anfang der Erkrankung diesen Extra-Reiz zu spät wahrnehmen.
rheinruhrmed: Wie lässt sich anhand solcher Tests denn z.B. erkennen, ob jemand tatsächlich unter einer Demenz leidet oder bloß depressiv ist?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Ein Patient mit Alzheimer schneidet bei den Tests zur Differenzialdiagnose durchgehend eher schlechter ab, während Patienten mit einer Depression durchaus in einigen Tests gut abschneiden. Depressive ziehen sich während der Tests auch schon mal eher zurück. All das kann ein erfahrener Psychologe erkennen.
rheinruhrmed: Oft ist es doch aber so, dass einige Alzheimer-Demenz-Patienten gerade am Anfang ihre Krankheit noch sehr gut überspielen können.
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Das stimmt, einige halten anfangs wirklich erstaunlich gut ihre Fassade aufrecht. Vor allem, wenn ein Patient im Leben bislang sehr eloquent war, kann er die Krankheit anfangs sehr geschickt überdecken, etwa mit gelernten Floskeln im sprachlichen Umgang. Dabei leiden Alzheimer-Patienten durchaus an Wortfindungsstörungen. Aber selbst, wenn man den Betroffenen konkret danach fragt, welches Datum wir denn heute haben, kann es sein, dass dem Angesprochenen ein Ausweg gelingt, in dem er sagt: „Ach, ich habe ja heute noch keine Zeitung gelesen.“ Das ist natürlich sehr, sehr clever. Die Angehörigen merken das am Anfang nicht so deutlich. Übrigens, dieses Fassaden-Aufrechterhalten gilt insbesondere für Alzheimer-Kranke im ersten Jahr ihrer Erkrankung. Aber auch dann bauen sie ab, pflegen sich nicht mehr, können sich nicht mehr alleine anziehen und werden letztlich zum Pflegefall.
rheinruhrmed: Wenn aber dann die Diagnose Demenz gestellt ist – und in den meisten Fällen handelt es sich dabei ja um die Alzheimer-Demenz – , was gilt es dann zu tun?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Erst mal muss das Umfeld eruiert werden: Wie lebt der Betroffene? Und: Wie bzw. in welchem Maße kann man ihn unterstützen? Das ist ganz wichtig. Während man nämlich noch vor zwanzig Jahren einem Patienten Dinge wieder antrainiert hat, die er konkret vergessen hat, geht man heute dazu über, ihn in Fähigkeiten zu unterstützen, die ihm Spaß machen. Einem Ingenieur, der das 1x1 vergessen hat, würde man heute nicht mehr derartiges Rechnen antrainieren, sondern ihn zum Beispiel in Klavierspielen fördern, wenn er das gern tut. Im Zuge dieser Förderung verbessern sich dann nämlich auch sekundär weitere Fähigkeiten. Es gibt z.B. eine Klinik in Bad Aiblingen, die das sehr vorbildlich umsetzt.
rheinruhrmed: Sie sprachen eben das Umfeld des Patienten an. Welche Rolle spielen hierbei die Angehörigen?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Eine große Rolle! Ganz wichtig ist es, die Angehörigen als Co-Therapeuten anzulernen. Es gibt Kliniken, die zum Beispiel keine Patienten aufnehmen, wenn nicht ein Angehöriger die Therapie begleitet. Die Funktion der Angehörigen ist immens bedeutsam, weil sie den Tagesablauf des Betroffenen strukturieren müssen, und zwar möglichst so, dass er davon nichts merkt. Wenn die Angehörigen mitziehen, dann lässt sich die Lebensqualität der Betroffenen wirklich verbessern.
rheinruhrmed: Was empfehlen Sie, wenn die Krankheit fortschreitet und eine Betreuung nötig wird?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Die Betreuung soll nur das regeln, was für einen Patienten wirklich nötig ist. Mit anderen Worten sollte man einem an Demenz erkrankten Menschen nicht gleich alles entziehen, also Geld, Vermögen, ärztliche Versorgung usw. Idealerweise hat der Betroffene vor der Diagnose eine Vollmacht erstellt. Hier bietet es sich übrigens an, eher einen guten Freund als Verwandte als Betreuer einzusetzen, denn es kommt nicht selten vor, dass die Verwandten schnell an ihr Erbe wollen. Wenn dann ein Betreuer bestimmt ist, muss der aber eben auch nicht gleich über alles bestimmen, sondern – und da setzen wir uns hier im Haus sehr dafür ein – wirklich erst mal nur das, was am nötigsten ist.
rheinruhrmed: Ab wann ist man denn als Betroffener nicht mehr geschäftsfähig?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Streng genommen ist man ab der Diagnose nicht mehr geschäftsfähig. Aber das ist ein ganz schwieriges Thema, das lässt sich anzweifeln. Es gibt z.B. Patienten, die eine demenzielle Störung mit ausgestanzten Symptomen haben. D.h. diese Patienten haben zwar z.B. Sprach- oder Gedächtnisstörungen, aber gleichzeitig können sie noch Geschäftsentscheidungen fällen. Das muss man dann wirklich sehr sensibel psychologisch abklären. Ich sage es deshalb auch immer meinen Studenten: Da müssen wir Ärzte ein Garant sein.
rheinruhrmed: Was lässt sich medikamentös gegen Demenz tun?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Nur wenig, wie schon gesagt. Wenn eine Depression vorhanden ist, sollte man natürlich zunächst einmal diese behandeln. Hierfür gibt es moderne Antidepressiva, so genannte atypischen Neuroleptika, die die Wahnvorstellungen oder Ängste beeinflussen, aber z.B. kein Parkinson mehr auslösen. Das ist ein großer Fortschritt. Damit geht es den Betroffenen schon mal wesentlich besser. Aber natürlich sind das nur mögliche Begleitsymptome einer Demenz. Wenn man dann die Demenz konkret medikamentös angehen will, helfen im Frühstadium so genannte Acetyl-Cholinesterase-Hemmer. Da gibt es eine ganze Reihe von Medikamenten, die hierunter fallen. Aber sie helfen meist nur in den ersten ein bis zwei Jahren.. Bei allen anderen Ansätzen, etwa mit Psychotropika oder Gingko-Präparaten, sind positive Einflüsse auf die Krankheit nicht sicher bewiesen.
rheinruhrmed: Gleichwohl gibt es derartige Präparate auf dem Markt – und sie werden heiß beworben.
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Ja, natürlich. Betroffene wollen selbstverständlich jede Chance nutzen, aber da werden viele unseriöse Geschäfte betrieben. Sicherlich mögen z.B. Gingko-Präparate ganz gut sein, aber sie helfen nicht dem Patienten konkret bei seiner Alzheimer, allenfalls bei möglichen Begleitsymptomen.
rheinruhrmed: Ein Ansatz bei der Therapie von Demenzpatienten ist ja, die Begleiterkrankungen zu behandeln.
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Ja, und das ist durchaus sinnvoll. Neueste Forschungen haben z.B. ergeben, dass das Hirn zwei Musikzentren hat, eines für Rhythmus und eines für die Melodie. Die konvergieren auf das Sprachzentrun.. Danach ist es bei Patienten, die durch Demenz schlechter sprechen, anfänglich durchaus möglich, ihr Sprechvermögen durch einen entsprechenden Rhythmus wieder zu verbessern. Ein anderes Behandlungsfeld ist die Aroma-Therapie, die wir hier im Haus anbieten. Über diese Aroma-Behandlung können wir die Empfindlichkeit und Aufmerksamkeit der Patienten für Wahrnehmungsprozesse steigern. Bestimmte Gerüche werden dabei direkt ins „Alt-Hirn“ eingespeist und aktivieren dort das limbische System, das u.a. für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist.
rheinruhrmed: Welche Rolle spielen die Gene bei der Alzheimer-Demenz – sprich: Hat ein Patient ein erhöhtes Risiko, wenn in einer Familie Alzheimer-Demenz aufgetreten ist?
Priv.-Doz. Dr. med. Gerhard: Bei der Alzheimer-Demenz haben wir noch keinen sicheren Hinweis auf einen Gendefekt finden können. Es gibt aber eine eine genetische Komponente in der Verursachung der Alzheimer-Krankheit. Etwa fünf bis zehn Prozent der Betroffenen zeigen eine familiäre Häufung. Dabei finden sich Mutationen auf dem Chromosom 1, 14 und 21. Man wusste schon länger , dass in Familien, in denen das Down-Syndrom (Trisomie 21) auftritt, verstärkt eine Alzheimer-Demenz auftritt. Aber mehr wissen wir unter genetischen Gesichtspunkten über das Auftreten der Alzheimer-Demenz noch nicht. Das wird sich in den nächsten Jahren aufgrund der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts aber sicherlich ändern.
- 30.09.2010 -
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