Martin Pronadl
Adipositas-Chirurg, Klinik
für Chirurgie II, Alfried Krupp Krankenhaus, Essen Steele.
rheinruhrmed: Während in den USA 2007 über 200.000 Adipositas-Eingriffe vorgenommen wurden, waren es in Deutschland zuletzt gerade mal 3000. Provokativ gefragt: Warum sind zertifizierte Adipositas-Chirurgie-Zentren überhaupt nötig?
Pronadl: Zugegeben, die Adipositas-Chirurgie ist noch vergleichsweise neu in Deutschland ist. In anderen Ländern, etwa in den USA, aber auch in europäischen Staaten wie Schweiz, Frankreich oder Belgien ist man da schon viel weiter. Dort haben sich bereits viele Kliniken zertifizieren lassen. Und so wurde der Druck auf Deutschland so groß, dass die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie gesagt hat: Okay, wir müssen auch eine Zertifizierung einführen, damit wir Kliniken haben, die nach definierten Qualitätskriterien ihre Eingriffe vornehmen. Es soll so vermieden werden, dass es Kliniken gibt, die als Zentren nicht alle Methoden operieren und z. B. nur Magenbänder einsetzen. Schließlich stellen sich Patienten vor, die verschieden dick sind, unterschiedliche Begleit-Erkrankungen und Ursachen der Adipositas haben – eben multifaktoriell. Und wenn dort dann alle ausschließlich ein Magenband als vermeintliche Lösung bekommen, dann kann das natürlich nicht sein. Als zertifiziertes Zentrum hingegen informiert und betreut man den Patienten umfassend und klärt ihn über alle angebotenen, operativen Maßnahmen und natürlich auch über sämtliche Komplikationen auf. Denn bleiben wir mal beim Magenband: Ein Magenband einzusetzen, das kann man jedem Chirurgen beibringen, der einigermaßen technisch versiert ist. Jedoch mit den eventuellen Komplikationen eines solchen Eingriffs umgehen zu können, das ist schon eine ganz andere Dimension.
rheinruhrmed: Das Alfried Krupp Krankenhaus will sich als Referenzzentrum für Adipositas-Chirurgie zertifizieren lassen; die Entscheidung fällt im Juni 2009. Was ist der Unterschied zwischen einem Kompetenz- und einem Referenzzentrum?
Pronadl: Ein Kompetenzzentrum zeichnet sich zunächst einmal dadurch aus, dass es sich im Schwerpunkt mit Adipositas-Chirurgie beschäftigt wird, also mindestens 50 Operationen pro Jahr durchführt, und dass dort ausgewiesene Adipositas-Chirurgen arbeiten. Darüber hinaus muss es eine gewisse Prozessqualität geben, die die Abläufe in der Klinik widerspiegelt, also nach ISO 9000. Es muss Schulungen für das Personal geben, eine eigene Sprechstunde eingerichtet und eine entsprechende Ausstattung der Klinik angeschafft werden. Für ein Referenzzentrum gelten all diese Maßstäbe grundsätzlich genauso; was jedoch hinzukommt, ist, dass man mindestens 100 Operationen pro Jahr durchführen muss. Man muss außerdem Kollegen Hospitationen ermöglichen, sprich: Wir
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müssen uns bereit erklären, anderen Ärzten beizubringen, wie Adipositas-Chirurgie funktioniert; es müssen schließlich mehr Kliniken werden, die sich damit beschäftigen; so haben sich deutschlandweit erst fünf Kliniken zur Zertifizierung angemeldet. Dann das Stichwort Qualitätssicherungsstudie: Die ist für jeden in einem Referenzzentrum Pflicht. Es muss intern dokumentiert werden, welcher Patient welche Operationen mit welchem Verlauf, welchem Erfolg und welchen Komplikationen erhalten hat. Und all diese Daten müssen wir dann auch extern zur Verfügung stellen. Das macht unsere Arbeit für Ärzte wie Patienten transparent.
rheinruhrmed: Sie sprachen eben schon die Ausstattung an, die sich ein Adipositas-Zentrum anschaffen muss. Wie sieht die konkret aus?
Pronadl: Das fängt schon damit an, dass wir eine Waage benötigen, auf der man Adipositas-Patienten wiegen kann. Es gibt ja auch Patienten, die weit über 250 Kilo wiegen. Da würde uns eine handelsübliche Waage, die meist nur bis 120 Kilo geht, nicht weiterbringen. Wir mussten uns auch einen extra-stabilen und per Fernsteuerung verstellbaren OP-Tisch zulegen, weil adipöse Patienten fast sitzend operiert werden; das hat den Vorteil, dass die Schwerkraft das Fett am Bauch nach unten zieht und wir so einen besseren Zugriff auf den relativ weit oben liegenden Magen haben. Wir müssen zudem auf den Patientenzimmern adäquate Betten haben, die Übergewicht aushalten. Wir brauchen Stühle, auch Toiletten-Stühle, in die hoch adipöse Menschen hineinpassen. Natürlich muss auch das Bad in den Zimmern umgebaut werden: mit breiteren Türen, stabileren Toilettensitzen und einem ebenerdigen Zugang zur Dusche. Da werden dann aus ehemals 3-Bettzimmern nach den Umbaumaßnahmen oft 2-Bettzimmer, weil das Bad einfach größer geworden ist. Nicht zuletzt muss ein solch zertifiziertes Zentrum insgesamt einen barrierefreien Zugang gewährleisten; man kann ja z.B. nicht die Sprechstunde ins Nebengebäude in die 1. Etage legen, wo die Patienten erst diverse Stufen hochlaufen müssen.
rheinruhrmed: Nun sind die Ursachen für Fettsucht teilweise recht vielschichtig (multifaktoriell). Demnach kann sich eine Klinik sicherlich nicht allein als Zentrum zertifizieren lassen, ist das richtig?
Pronadl: Ja, man muss Kooperationspartner haben, also einen Internisten, einen Diabetologen, einen Endokrinologen, einen Ökotrophologen, einen Psychotherapeuten usw., die sich alle im Rahmen des Zentrums um diese Patienten kümmern, und zwar vor, während und auch nach dem stationären Aufenthalt. Die müssen nicht unbedingt alle am gleichen Ort sein, aber in der Nähe. Und diese Kooperation muss dann vertraglich zwischen all diesen Partnern fixiert sein, so dass sich der Patient auch sicher darauf berufen kann.
rheinruhrmed: Es fällt auf, dass der Hausarzt in der Struktur eines Zentrums nicht explizit vorkommt. Aber er ist doch sozusagen das Nadelöhr, durch das die Patienten zu Ihnen kommen.
Pronadl: Völlig klar, der Hausarzt ist eine wichtige Instanz. Die Beziehung zum Hausarzt hält hierzulande meist länger als die meisten Ehen. Das heißt, der Hausarzt kennt den Patienten, nicht selten sogar schon von Kindesbeinen an. Er sieht den Patienten als Erster, und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem noch gar nicht über eine Operation gesprochen wird. Ob dieser Patient also an ein Zentrum bzw. zu Spezialisten weitergeleitet wird, hängt oft nur vom Hausarzt ab. Von sonst niemandem. Wenn sich dann eine Situation zuspitzt, dass ein Patient wirklich morbid adipös wird, also einen BMI von über 40 hat oder über 35 mit Folgeerkrankungen, dann sollte der Hausarzt sagen: „Das ist ein Patient, bei dem eine operative Maßnahme nötig wird“ und ihn zu einem Adipositas-Zentrum schicken. Deshalb suchen wir natürlich auch den Kontakt zu den Hausärzten, weil wir auch post-operativ auf die Hausärzte angewiesen sind. In Deutschland ist man da leider erst relativ am Anfang. Wenn Sie allerdings über die Grenze schauen, etwa nach Österreich oder in die Schweiz: Die sind uns diesbezüglich zehn Jahre voraus.
rheinruhrmed: Aber die Strukturen in Deutschland und das Netz von Anlaufstellen für Adipositas-Patienten ist so weit ausgeprägt, dass es daran nicht liegt?
Pronadl: Definitiv, es gibt Chirurgen, die das operativ umsetzen können, es gibt Selbsthilfegruppen usw. Das ist also kein Problem. Gut, im Rahmen der Zertifizierung ist natürlich als ein erster Schritt gefragt worden, wer überhaupt so etwas als Chirurg behandeln sollte; nicht jede chirurgische Abteilung ist dafür ausgelegt. Aber ich kann mir vorstellen, dass so ein Prozess dann in den nächsten Schritten und Jahren weiter runter gebrochen wird auf Hausärzte, Praxen usw.
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