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Gedächtnis

Kohle kann Erinnerung zurückholen

Die Senioren am Tisch lassen die schwarze Kohlenschaufel durch die Runde kreisen. Einer nach dem anderen nimmt ein Stück Steinkohle in die Hand, betrachtet und befühlt es aufmerksam. „Das glänzt so schön“, sagt eine Frau. „Schwarzes Gold“, ergänzt Börje Nolte. Der pädagogische Mitarbeiter des LWL-Industriemuseums Zeche Nachtigall trägt Bergmannskluft – ein blaues Hemd mit weißen Streifen, eine cremefarbene Hose mit Dreckflecken, der weiße Helm, Gesicht und Hände sind vom Kohlenstaub geschwärzt. Auf dem Tisch steht eine Grubenlampe.

Das Altenzentrum am Schwesternpark Feierabendhäuser der Diakonie Ruhr in Witten und der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) haben eine ungewöhnliche Form der Erinnerungsarbeit ins Leben gerufen und gemeinsam ein Angebot entwickelt, das sich speziell an demenziell erkrankte Menschen richtet. Seit Oktober 2010 besuchen Börje Nolte und seine Kollegin Hildegard Priebel jede Woche den geschützten Bereich „Dorfstraße“ des Altenzentrums an der Pferdebachstraße. Dort leben 24 demenziell erkrankte Bewohner. Aufgemaltes Fachwerk an der Wand, Hausnummernschilder an den Zimmertüren und historische Ansichten von Witten vermitteln den Charakter einer Dorfstraße und sorgen für Orientierung.

Alle Sinne werden angesprochen

In diesem Ambiente präsentieren die Museumspädagogen ausgewählte Objekte und Geschichten aus dem Industriemuseum. Dabei achten sie auf einen Bezug zur ehemaligen Lebenswelt der Teilnehmer. Alle Sinne werden angesprochen, wiederkehrende Elemente wecken Erinnerungen. So gehört das „Steigerlied“ als fester Bestandteil zu jeder Sitzung dazu. Denn demenziell erkrankte Bewohner brauchen Orientierungshilfen und immer wiederkehrende Rituale, die es ihnen ermöglichen, ihren Tagesablauf zu strukturieren.

"Man muss nur ein bisschen kloppen"

Unter den Senioren am Tisch hat sich ein lebhaftes Gespräch über das richtige Anzünden von Kohle entwickelt. Einige Teilnehmer hatten früher noch selbst einen Kohleofen – und erinnern sich genau, dass erst Papier und dann Holz entzündet werden mussten, bevor die Kohle brannte und ihre wohlige Wärme entfalten konnte. Als Nolte ein rostiges Hufeisen auf den Tisch legt und fragt, wie es an den Pferdehuf angepasst wird, läuft Werner Krüger zur Hochform auf. „Das kann man doch drehen“, ruft der frühere Schmied. „Man muss nur ein bisschen kloppen.“ Er schnappt sich den schweren Schmiedehammer und schlägt begeistert zweimal leicht auf das Hufeisen.

Zum Abschied das Steigerlied

Die Grubenlampe auf dem Tisch brennt, Börje Nolte stimmt mit den Senioren zum Abschied das „Steigerlied“ an. Einige Teilnehmer haben inzwischen schwarze Finger. Aber ihre Augen leuchten. „Die Zusammenarbeit mit dem LWL ist eine ungewöhnliche und äußerst positive Ergänzung im Tagesablauf der Bewohner“, sagt Andreas Vincke, Einrichtungsleiter der Feierabendhäuser. „Sie wirkt sich nachhaltig auf das Wohlbefinden der beteiligten Personen aus.“

- 13.02.2011 -

(Quelle: Diakonie Ruhr; redaktionell bearbeitet: rrm)

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